Schauspiel - Heidelberger Stadttheater präsentiert die Uraufführung von Christoph Nußbaumeders „Im Schatten kalter Sterne“ Unmoralisches Erfolgsstreben

Von 
Alfred Huber
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Geld ist ihnen wichtiger als Moral: Dr. Rufus Schroth (gespielt von Steffen Gangloff) steht mit Milena Kerber (Sheila Eckhardt) am Fenster. © TheaterundOrchesterHeidelberg

Einst waren wir jung, neugierig, auch ein bisschen verrückt, tendierten nach links und hätten gern die Welt verändert. Dann verführte uns der Beruf, wir wollten hoch hinaus, eine Familie gründen und im Wohlstand leben. Plötzlich befanden wir uns im Fahrwasser der Angepassten und mussten vor uns selbst rechtfertigen, was wir an Idealen preisgegeben hatten.

Preisgekürter Dramatiker und Ex-Hausautor des Nationaltheaters

Mit seinen gesellschaftskritischen Sozialdramen zählt der 1978 geborene Dramatiker Christoph Nußbaumeder zu den großen Entdeckungen des deutschen Theaters.

Nach Abitur und Zivildienst arbeitete er in einer Automobilfabrik in Pretoria (Südafrika).

Anschließend studierte er Rechtswissenschaft, Germanistik und Geschichte in Berlin (FU).

2004 erhielt sein Debütdrama „Mit dem Gurkenflieger in die Südsee“ den Preis des Stückewettbewerbs der Berliner Schaubühne.

In der Spielzeit 2007/2008 war Nußbaumeder Hausautor am Mannheimer Nationaltheater.

Hier brachte Burkhard C. Kosminski sein Stück „Jetzt und in Ewigkeit“ als Uraufführung heraus. hub

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Wolfgang Anders ist so ein Typ. Früher war er gegen Waffen und Kriege, musizierte mit seinem Freund Thomas, jetzt arbeitet er als Programmierer für militärisch einsetzbare Mikrodrohnen in der Rüstungsindustrie. Moralische Skrupel verdrängt er. Erst als Thomas bei einem Autounfall stirbt und ihm als schwarz gekleideter Kapuzenmann moralisch ständig auf die Pelle rückt, beginnt Anders kritisch über sich nachzudenken.

Zwei Spielflächen

Nach einer zuversichtlich gestimmten Hundertjahrfeier des Unternehmens bietet Christoph Nußbaumeders Stück „Im Schatten kalter Sterne“ (eine Uraufführung des Heidelberger Stadttheaters) rasch triste Alltagslaune in der Chefetage. Denn der zwischenmenschliche Umgang bei Bimini Defence AG, wo man beharrlich nach innovativen Lösungen für die Zukunft sucht, ist eher rückwärtsgewandt konservativ. Es wird denunziert, man übt Druck aus, treibt Machtspielchen und lässt sich korrumpieren. Implantierte Chips sollen die Mitarbeiter besser schützen, etwa vor Entführungen. Tatsächlich werden sie nur genauer überwacht. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ wirkt im Vergleich dazu schon fast harmlos.

Bühnenbildnerin Steffi Wurster erfand für den „Alten Saal“ zwei Spielbereiche: unten ein schmaler Korridor, darüber ein schmuckloser Raum, Tanzbar oder das angeblich luxuriös eingerichtete Heim von Wolfgang und Milena, die früher dem Vorstand des Unternehmens bisweilen als Callgirl zur Verfügung stand. Regisseur Bernhard Mikeska hat den Text für die 75-minütige Aufführung kräftig gekürzt und manches gestrichen, was einzelne Figuren in ihrer Entwicklung vielleicht genauer hätte charakterisieren können. Dafür bietet er dichte szenische Abfolgen, rasche Auftritte und Abgänge, eine kühl-sachliche Atmosphäre, in der das Ensemble mit knappen Dialogen eine Welt beschreibt, die gewiss nicht dazu beiträgt, den Glauben an das Gute im Menschen zu festigen.

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Steffen Gangloff als Rufus Schroth zeigt einen Geschäftsführer, dem Jovialität und Väterlichkeit längst zu unverbindlichen Selbstläufern geworden sind. Später wird er geschasst, weil er auf einem Video in Naziuniform beim Sex zu sehen ist. Von seinem abrupten Abstieg profitiert die Kollegin Bianca Schäfer. Christina Rubruck gibt ihr die nötige Kälte und Durchsetzungsfähigkeit. Und wie beinahe alle, so zehrt auch Martin Bautz von den trügerischen Wonnen des Gewöhnlichen. Martin Wißner spielt diesen verklemmten, ewig Zurückgesetzten, ein intriganter Strippenzieher der gehobenen Klasse. Von zarter Menschenfreundlichkeit also keine Spur. Solche emotionalen Zwischenwelten darf sich höchstens Jonathan Schimmer als Wolfgang Anders leisten, wenn er gelegentlich aus dem ideologischen Schwebezustand erwacht und Milena (sympathisch: Sheila Eckhardt) ein paar gefühlte Zugeständnisse unterbreitet.

Ohne falsche Anbiederung

Eine kurzweilige Aufführung, in der allerdings einiges an der Oberfläche bleibt. Schon deshalb vielleicht, weil das Stück primär ja von Menschen erzählt, die für sich und ihresgleichen kein Mitleid beanspruchen. Man ist, wie man ist. Schauspieler und Regisseur blicken ohne falsche Anbiederung auf die Reste einer Vitalität, die fast ausschließlich dem Kapital gewidmet ist. Schließlich sorgt es in Zeiten der Hochblüte stets für klare Verhältnisse. Gerade dann, wenn es mit Hilfe künstlicher Intelligenz um sauberes Töten geht.

Freier Autor Geboren 1941, Studium Musikheorie/Musikwissenschaft, Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte in Mannheim und Heidelberg Volontariat Mannheimer Morgen, Redakteur, anschließend freier Journalist und Dozent in verschiedenen Bereichen der Erwachsenenbildung. Ab 1993 stellvertretender Ressortleiter Kultur, ab 2004 bis zur Pensionierung Kultur-Ressortleiter.