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Neckarwiese - Trotz Krawall-Ankündigung bleibt es am Wochenende relativ ruhig / Polizei und Ordnungskräfte gut vorbereitet

Ruhiges Wochenende in Heidelberg - Krawalltourist: "Gekommen, um Gewalt sprechen zu lassen"

Von 
Markus Mertens
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Gespenstische Leere: die Heidelberger Neckarwiese nach der Räumung und unter „Stresserbeleuchtung“. © Markus Mertens

Heidelberg. Es ist kurz vor 2 Uhr am frühen Sonntagmorgen, als ich nahe der Heidelberger Uferstraße Ruslan Ahmatov aus Neckarsulm begegne. Ob der hoch aufgeschossene 24-Jährige mit kurzen schwarzen Haaren wirklich so heißt, bleibt sein Geheimnis – denn seinen Ausweis möchte mir der junge Mann nicht zeigen.

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Seine Gesinnung jedoch, aus der macht Ahmatov kein Geheimnis. Als der nach seinen Angaben gebürtige Kasache mich mit meinen Kameras als Reporter erkennt, bringt er mich gar zu seinen „Jungs“ und erzählt stolz: „Ich bin heute nach Heidelberg gefahren, um die Gewalt sprechen zu lassen. Ich liebe es, andere Menschen zu schlagen und ich tue es gerne – weil ich es kann. Und weil die Zerstörung etwas Wunderschönes ist. Heute haben uns leider verschiedene Faktoren einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Beamten waren gut vorbereitet, und auch der Regen hat gegen uns gesprochen, aber unsere Zeit wird kommen. Wir haben noch ganz andere Methoden. Wir werden die Polizei das Fürchten lehren.“

Bilanz aus Polizeisicht

  • In der Nacht auf Samstag blieb es schon wegen der starken Regenschauer eher ruhig auf der Heidelberger Neckarwiese und in der Altstadt. In der Nacht auf Sonntag waren die Ordnungskräfte aber wieder stärker gefordert: Im Verlauf der Nacht sei es zu zahlreichen Ruhestörungen im gesamten Zuständigkeitsbereich gekommen. Vereinzelt sei zudem Pyrotechnik abgefackelt worden.
  • „Brennpunkte Sommer 2021“ heißt ein Polizeikonzept, das sich aus Sicht von Polizeisprecher Michael Klump auch an diesem Wochenende in Heidelberg bewährt habe. „Unsere Kommunikationsteams waren im Einsatz und kamen mit vielen Neckarwiesenbesuchern bereits früh am Abend uns Gespräch“, berichtet Klump aus dem Polizeipräsidium Mannheim. Ab Mitternacht habe man das Alkoholkonsumverbot besonders an neuralgischen Punkten in der Altstadt wie auf der Alten Brücke und in der Unteren Straße überwacht. „Bis auf wenige Ausnahmen hielt sich die überwiegende Mehrzahl der Besucher daran.“
  • Am Samstag seien Neckarvorland und Altstadt sehr viel mehr besucht gewesen. Gegen 20.45 Uhr seien Lautsprecherdurchsagen gemacht worden. Eine Gruppe von rund 200 Personen habe auf die Durchsagen zunächst nicht reagiert.
  • Durch „gezieltes Ansprechen und Zeigen polizeilicher Präsenz“ sei die Gruppe „zum friedlichen Verlassen der Örtlichkeit bewegt“ worden. Kurz nach 21 Uhr sei die Neckarwiese menschenleer gewesen. Um zu verhindern, dass Personen zurückkehrten, schalteten die Ordnungskräfte die sogenannte „Stresserbeleuchtung“ ein.
  • In der Altstadt fielen ruhestörender Lärm wie Grölen und laute Musik aus elektrischen Geräten auf. Nachdem die Beschlagnahmung eines Geräts angedroht worden war, sei in einem Fall schnell Ruhe eingekehrt. (miro)

Dies sind die befremdlichen Äußerungen eines jungen Mannes, der sich damit brüstet, unbeteiligte Passanten ins Gesicht zu schlagen, „wenn mir ihr Gesicht nicht passt“, und „den maximalen Schaden an Mensch und Material zu hinterlassen, wenn es die Situation ermöglicht“.

Es sind Menschen wie Ruslan Ahmatov, vor denen Heidelberg Angst hat. Denn seit die Inzidenzlage rund um Pfingsten in der Stadt am Neckar so niedrig war, dass hier gefeiert werden durfte, während andernorts Ausgangssperren und Kontaktverbote galten, hat sich – organisiert über soziale Medien – eine Szene gewaltbereiter Personen etabliert, die die Stadt offen als „Krawalltouristen“ beschreibt und erst jüngst von einer „ernsten Gefahrenlage“ sprach.

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Kulturfreunde genießen Festival

Die liegt zumindest an diesem Abend zunächst nicht in der Luft. Zwar schlängeln sich Massen junger Menschen mit der Lust am Abenteuer durch die Innenstadt, auch auf der Alten Brücke versammeln sich Hunderte, um den Augenblick zu genießen – doch an die Auseinandersetzungen zurückliegender Wochen mit Verletzten und hohem fünfstelligen Sachschaden scheint hier nichts zu erinnern. Zumindest erst einmal. Auf dem Universitätsplatz verfolgen Zuschauer das „Lust4Live“-Konzert von Dirik Schilgen ganz und gar zivilisiert.

Die Festivalgänger haben mit Krawall-Suchenden nichts gemein. „Diese Störer sind nicht von hier und gehören hier auch nicht hin. Wir wollen uns nicht fürchten, angegriffen zu werden, weil wir abends unterwegs sind, um Spaß zu haben“, sagen die Studierenden Nico und Elena klar und unmissverständlich. So sieht es auch Stadt-Sprecher Timm Herre: „Wer sich zum Freizeitziel erklärt, Gewalt auszuüben, Polizeibeamte zu provozieren oder völlig Unbeteiligte anzugreifen, darf sich dabei nicht sicher fühlen. Wir werden in Zusammenarbeit mit der Polizei alles dafür tun, um dieses Klientel aus unserer Stadt zu entfernen.“

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Polizeisprecher Michael Klump erklärt dieser Redaktion, dass man „mit aller Konsequenz gegen solche aufrührerischen Personen“ vorgehen und sämtliche Möglichkeiten ausschöpfen werde, diese namentlich zu ermitteln und strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen.

Rund 1000 Besucher zählt die Polizei auf der Neckarwiese, davon 200, die der „kritischen“ Zielgruppe zugerechnet werden und die die Neckarwiese aus eigenem Antrieb nicht verlassen wollen. Als das Lagerverbot um 21 Uhr schließlich umgesetzt wird, geschieht das allerdings fast anstandslos.

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Regen vertreibt Besucher

Bis auf eine Körperverletzung, gezündete Rauchtöpfe und etwas Innenstadtlärm greift das Konzept, mutmaßliche Stresser an Uferstraße und Altstadt früh abzufangen. Auch die Beleuchtung und das Alkoholverbot zeigen ihre Wirkung.

Als um 21.36 Uhr starker Regen einsetzt und sich Erde und Asphalt mit Wasser vollsaugen, verschwinden die von der Neckarwiese Weggeschickten nicht einfach, sondern suchen zwischen Einfahrten, unter Bäumen und in öffentlichen Toiletten Zuflucht. Die derzeit beschlossenen Maßnahmen gelten nach Mitteilung der Stadt zunächst bis zum 2. August.

Freier Autor

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