Schule - Gehackte Videokonferenzen als neue Gefahr im Online-Unterricht / Cyberattacke auf Sechstklässler in Heidelberg Pornografie statt Mathematik

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Dpa/bettina Eschbacher
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Bislang waren schlecht funktionierende oder lahmgelegte Plattformen für den Distanz-Unterricht das Hauptproblem, jetzt kommen gehackte Inhalte dazu. © dpa

Heidelberg/Berlin. Es war eine Situation, wie sie derzeit täglich tausendfach in Deutschland vorkommt: Eine Klasse ist per Videokonferenz zum Distanzunterricht zusammengeschaltet. Doch plötzlich bekommen die Kinder Nacktbilder oder Pornografie angezeigt. Solche Fälle, wie sie sich in der zurückliegenden Woche beim Online-Unterricht in Heidelberg, aber auch in anderen Schulen bundesweit ereignet haben, scheinen bislang noch selten zu sein. Und doch sind Fachleute besorgt.

Lehrer fordern mehr Schutz

Das Sicherheitsproblem: Gerade bei den Videokonferenz-Tools herrscht in Deutschlands Schulen ein absoluter Flickenteppich.

Vielerorts haben die Schulen oder einzelne Lehrer zu Beginn der Pandemie für den plötzlich über sie hereinbrechenden Distanzunterricht auf individuell gewählte Lösungen zurückgegriffen – und nicht bei allen ist die Datensicherheit gewährleistet.

Lehrerverbände fordern deshalb schon seit Längerem vehement, datenschutzkonforme, rechtssichere und gut geschützte Plattformen von den Kultusministerien zur Verfügung gestellt zu bekommen. dpa

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So gelang es unbekannten Tätern am Freitagvormittag, neben Musikvideos mehrere Dateien mit mutmaßlich pornografischen und rechtsradikalen Inhalten in den Online-Unterricht einer sechsten Klasse einzuspielen. Daraufhin informierte die Schulleitung das Polizeipräsidium Mannheim.

Experten arbeiten Vorfall auf

Experten für die Sicherung digitaler Spuren und IT-Beweissicherung haben inzwischen die Ermittlungen aufgenommen. Neben den Beamten der Cybercrime-Inspektion werden nach Polizei-Angaben aber auch Spezialisten des Staatsschutzes eingesetzt. Und in Zusammenarbeit mit der betroffenen Schule wird das Ereignis durch die besonders geschulten Beamten der Prävention gemeinsam mit den Schülern aufgearbeitet. Denn die Folgen für die Kinder könnten gravierend sein. „Egal, wie aufgeschlossen ein Kind erzogen ist, es ist für jedes Kind eine Schocksituation, wenn es im Schonraum Schule, im Schonraum Distanzunterricht, im Schonraum der Gruppe, die es kennt, plötzlich eine solche Begegnung hat“, sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann. „Das ist eine neue Gefahr für den Unterricht.“

Thomas G. Rüdiger, Kriminologe von der Polizeihochschule Brandenburg, geht noch einen Schritt weiter: „So viele Kinder kommen gerade jetzt in der Corona-Situation erstmals ins Netz. Die sollen jetzt alle irgendwelche E-Learning-Video-Geschichten machen, oder die Eltern setzen sie vor Endgeräte, um im Homeoffice in Ruhe arbeiten zu können. Aber wenn man die Kinder ins Netz lässt – das ist ein globaler Interaktionsraum ohne Grenzen –, kann ihnen das überall passieren, dass sie mit übergriffigen Inhalten konfrontiert werden.“

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„Das ist kein Thema nur im Zusammenhang mit Schule“, bilanziert Rüdiger deshalb – und sieht dennoch die Lösung des Problems auch im Bildungssystem. „Wir haben in ganz Deutschland noch immer nicht verpflichtend Medienkompetenz ab der ersten Klasse, und das fällt uns jetzt auf die Füße.“ Zudem müssten die Eltern unbedingt mit ihren Kindern über die Gefahren reden. Der Polizei sind Fälle von gesprengten Videokonferenzen schon länger bekannt, ähnliches habe es schon beim ersten Lockdown gegeben, sagt etwa Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt. „Es kommt vereinzelt vor.“ Oft liege das Problem daran, dass die Einstellungen nicht richtig vorgenommen wurden und der Chat darum öffentlich war. „Die wollen ja nicht immer etwas Böses. Manchmal schaut da einer rein und geht dann wieder raus.“

Die Cyberattacke an der Heidelberger Schule ist dennoch kein Einzelfall. Im niederbayerischen Mainburg bekam jüngst eine Achtjährige während des Online-Unterrichts plötzlich Bilder eines nackten Mannes angezeigt. Im hessischen Florstadt zeigte ein Unbekannter einer zweiten Klasse Pornografie. Und in Berlin sahen Drittklässler minutenlang einen Porno.

Täter oft aus dem Umfeld

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„Das ist schon ein neues Phänomen“, urteilt Christian Schorr von der Zentralstelle Cybercrime Bayern. Bei gesprengten Videokonferenzen generell seien es häufig Täter aus dem Umfeld der Betroffenen, im Schulumfeld oft auch andere Kids, die sich schlicht einen schlechten Scherz erlaubten.

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„Aber wenn Kinder mit sexuellen Inhalten konfrontiert sind, ist man gleich bei einem deutlich schwereren Tatvorwurf, das ist sexueller Missbrauch.“ Ob man den Täter erwische, „hängt davon ab, was an Logs, an Zugriffsdateien vorhanden ist“, erläutert Schorr. „Ob die einzelne Plattform mitschneidet, von wo dieser Zugriff kam.“

Martin Löwe vom Bayerischen Elternverband will wegen des persönlichen Kontakts zwischen Kindern und Lehrkräften nicht auf Videokonferenzen im Distanzunterricht verzichten – trotz der Gefahr von Cyber-attacken. „Die Gefahren des Dis-tanzunterrichts sehen wir eher woanders“, betont er. „Nämlich darin, dass Schüler nicht adäquat beschult werden, weil sie nicht teilnehmen können aufgrund technischer Rahmenbedingungen.“ dpa/pol