Verkehr - Drei E-Scooter-Modelle im Test / „Tier“, „Bird“ und „Zeus“ machen Spaß, sind aber alle deutlich teurer als Bus und Bahn Leichte Flitzer für die „letzte Meile“

Von 
Michaela Roßner
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Heidelberg. Das Fahrrad, unschlagbar in seiner Ökobilanz, hat Konkurrenz im Straßenbild bekommen: Gleich drei Anbieter von E-Scootern buhlen um die „letzte Meile“: Das letzte Wegstück nach dem Aussteigen aus Zug, Bus oder Straßenbahn soll so schnell und komfortabel zu bewältigen sein - ein weiteres Argument, generell aufs Auto in der Stadt zu verzichten, hoffen die Anbieter gemeinsam mit der öffentlichen Hand. E-Scooter sind indes, anders als das Rad, gar nicht als „Lastentier“ geeignet. Mit Rucksack oder Umhängetasche kann man aber zumindest mitnehmen, was man bei der Arbeit oder sonst benötigt.

Eine Stadt, drei E-Scooter-Anbieter (v.l.): „Bird“, „Zeus“ und „Tier“ werden per App auf dem Smartphone gebucht und rechnen nach Minuten Fahrzeit ab. Redakteurin Michaela Roßner hat die drei Systeme getestet. © Philipp Rothe
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App: Bei allen drei Rollermodellen muss man sich eine App auf das Smartphone laden und einmalig registrieren. Am besten macht man das vorab, denn man muss unter anderem seine Zahlungsmethode - Kreditkarte oder Paypal zum Beispiel - eintragen und bestätigen. Dann bekommt man einen Überblick, wo der nächste freie Roller steht. Durch Anklicken auf der App (bei Zeus den Riegel nach rechts wischen) ist der Scooter gebucht. Jetzt nur noch einen Fuß aufs Trittbrett, mit dem anderen abstoßen - und auf der rechten Lenkerseite den „Gas“-Knopf nach unten drücken. Achtung: Der Start kann überraschend spritzig sein.

Elektromobilität Drei E-Scooter-Typen in Heidelberg: Leichte Flitzer im Test

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Preis: Die türkisfarbenen Roller sind seit einem Jahr und damit am längsten am Start. Und sie sind auch die günstigsten. Der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) unterstützt das System über seine App „myVRN“ von Anfang an und bindet es in sein Preissystem ein. Auch „Zeus“ kooperiert, wovon VRN-Zeitkarteninhaber profitieren. Der teurere „Zeus“ bietet ferner „Booster-Pakete“ an: Wer zum Beispiel 20 Euro zahlt, bekommt zehn Prozent Nutzung ohne Zahlung dazu. Außerdem sorgt der irische Neuling auf dem Markt, der in Heidelberg seine Weltpremiere feiert, dass von jedem Euro ein Cent an eine örtliche wohltätige Organisation fließt. Der Kunde darf nach Ende der Fahrt entscheiden, welche von drei möglichen davon profitiert. Vorgeschlagen werden sollen sie von der Stadtverwaltung. Ob das schon klappt, konnten wir nicht testen. Da bei uns aus Kulanzgründen die Rechnung storniert wurde (siehe weiter unten). Ansonsten scheint das aber eine sehr sympathische Idee. Bei „Tier“ gibt es Monatspakete, die zwischen 5,99 Euro und 21,99 Euro kosten. Das große Paket umfasst 120 Minuten Fahrt und unbegrenztes Freischalten. „Bird“ bietet einen Nebenjob über die App an: Wer Scooter erfasst und in nahegelegene „Nester“ transportiert, bekommt Gutschriften. Alle drei sind aber bei Einzelbuchung teurer als die Einzelfahrkarte für Bus und Bahn.

Fahrkomfort: „Tier“ kommt daher wie der „Volkswagen“ der drei Elektro-Stehroller: Er macht einen robusten, soliden Eindruck, ist wegen der hohen Stückzahl am besten verfügbar und mit seiner türkisfarbenen Lackierung fröhlich-bunt und scheinbar familientauglich - wobei immer nur ein Fahrer pro Roller erlaubt ist und man 18 Jahre alt sein muss. Beim Rangieren und einparken macht der Platzhirsch indes einen etwas sperrigen Eindruck. „Zeus“, den man mit einem gehobenen Mittelklassewagen vergleichen könnte, hat nicht nur zwei, sondern drei Reifen. Und die sind größer und weicher als die Räder der Konkurrenz. Das sorgt für jede Menge Stabilität, auch wenn es ums schnelle Ausweichen eines Hindernisses geht. Zumindest bei gerader Strecke kann man auch als ungeübter Nutzer mal kurz eine Hand vom Lenker nehmen, um zum Beispiel die Richtung beim Abbiegen anzuzeigen durch einen ausgestreckten Arm. Bei den zweirädrigen Modellen wird ein solcher Versuch schnell sehr wacklig. Die bessere Alternative ist hier, das rechte oder linke Bein zum Richtungsanzeigen einzusetzen. Aber auch da muss man schon gut ausbalancieren können, um keinen Unfall zu riskieren. Zierlich wie ein Vögelchen kommt der Kalifornier „Bird“ daher, das macht ihn spritzig im Anfahren und sehr wendig. Es scheint an Robustheit zu hapern. Der erste „Vogel“, den wir „freilassen“ wollen, muss stehenbleiben, weil das Versicherungskennzeichen abgerissen ist. Der zweite ist leider voller Vogelschiss. Mit schwarz-weißer Lackierung ist der kleinste E-Scooter aber optisch richtig sportlich, während der schwarz-gelb-rote Zeus sicher das sportlichste Design hat.

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Sicherheit: „Bird“ fällt bei Dunkelheit auf, weil geparkte Exemplare durch das ständig brennende Rücklicht leicht auszumachen sind. Dafür gibt es nur eine popelig kleine Klingel. Bei „Tier“ gibt es einen beeindruckenden Warnton, wenn man am Rand des Griffes dreht. Den stabilsten Stand - beim Fahren und nach dem Abstellen - hat „Zeus“. Auf seinem „Rücken“ haben zwei schmale Frauenfüße auch nebeneinander Platz. Einen festeren Stand hat man aber auch hier, wenn die Füße hintereinander abgestellt werden. Die Bremsen funktionierten bei allen drei Modellen sehr gut. Am besten stoppt man wie beim Rad mit beiden Rädern gleichzeitig. Zum Thema „Corona“: „Zeus“ hat an manche Roller eine kleine Tube Desinfektionsgel angehängt. Das ist eine sehr sympathische Geste. Natürlich empfiehlt es sich, vor und nach der Fahrt die Hände zu desinfizieren. Alle drei Anbieter empfehlen auch, einen Helm zu tragen. Das sollte man auf jeden Fall beherrschen, schließlich fahren die E-Scooter gut 20 Stundenkilometer schnell. Bergab werden sie gedrosselt. Fahren darf man auf dem Radweg oder wenn es den nicht gibt auf der Straße - aber nicht auf dem Bürgersteig. In Absprache mit der Stadtverwaltung haben „Tier“ und „Zeus“ Zonen definiert, in denen weder gefahren noch die Roller abgestellt werden dürfen. Das sind zum Beispiel weite Teile der Altstadt wie die Fußgängerzone in der „Hauptstraße“.

Abstellen: Einen korrekten Platz finden und in der App abmelden, das geht bei „Tier“ inzwischen schnell und problemlos. „Bird“ mäkelte bei unserem Versuch kurz an der angeblich schlechten Handyverbindung. Am wenigsten hat es bei „Zeus“ geklappt: Als beim sechsten Anlauf an vermeint passenden Ort innerhalb des noch sehr begrenzten Geschäftsbereichs rufen wir entnervt die Hotline an. Insgesamt hat das Abmeldemanöver bei uns fast 45 Minuten gekostet. Allerdings ist der Anbieter auch erst eine Woche am Start und möchte in einer sechswöchigen Pilotphase im beschränkten Innenstadtbereich mit zunächst 50 Scootern noch Erfahrungen einarbeiten. Der Kundendienst hat uns den gesamten Rechnungsbetrag aber gutgeschrieben.

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Fahrspaß: Alle drei machen viel Spaß. Voraussetzung: Der Untergrund ist möglichst ebenmäßig. Auf Naturstein-Pflaster, sei er historisch oder neu, macht es keinen Spaß: Da wird man auch bei langsamer Fahrt unangenehm durchgerüttelt. Anders als beim Rad kommt man nicht durchgeschwitzt im Büro an - aber mit High Heels würde ich die Fahrt auch nicht empfehlen.

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Redaktion Redakteurin Redaktion Metropolregion/Heidelberg