Heidelberger Romani Rose über "Die Letzte Instanz": „WDR will mit Rassismus Quote machen“

Von 
Jörg-Peter Klotz
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Heidelberg. Mit scharfer Kritik hat der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma am Montag in Heidelberg auf die wegen rassistischer Inhalte und einseitiger Besetzung angegriffene WDR-Talkshow „Die letzte Instanz" reagiert. Auf Anfrage dieser Redaktion wird Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats, in einer Pressemitteilung wie folgt zitiert: „Mit Fassungslosigkeit habe ich registriert, dass zwei Tage nach dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, an dem der 500 000 in Europa ermordeten Sinti und Roma gedacht wurde, es sich vier Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft anmaßen, darüber zu urteilen, ob eine von der Minderheit als beleidigend abgelehnte Fremdbezeichnung im deutschen Sprachgebrauch ihre Berechtigung habe oder nicht.“ Die „letzte Instanz“ bei dieser Frage seien die Betroffenen, deren Meinung jedoch nicht gehört worden sei. „Diese Sendung erweckt den Eindruck, sie wolle mit Antiziganismus und dümmlichen Auftritten Quote machen“, kritisierte Rose die von Steffen Hallaschka moderierte Show, die vom WDR am 29. Januar 2021 als Wiederholung ausgestrahlt wurde.

Schweigeminute in der Heidelberger Steingasse Ende Januar 2021: Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, erinnert an der Gedenktafel an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 76 Jahren. © Philipp Rothe
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In der Talkrunde mit Schauspielerin Janine Kunze, Moderator Thomas Gottschalk, Comedy-Autor Micky Beisenherz und Ex-„Big Brother“-Teilnehmer Jürgen Milski wurde unter anderem die Frage zur Diskussion gestellt:„Das Ende der Zigeunersauce: Ist das ein notwendiger Schritt?“ Die aus der Sitcom „Hausmeister Krause“ bekannte Janine Kunze verglich darin ihre Erfahrungen als gut aussehende blonde Frau mit Rassismus-Erfahrungen. Vor allem fand sie es „nervig“, sich über den Begriff Zigeunersauce Gedanken machen zu müssen, und bezog sich dabei direkt auf den Zentralrat: „Da sitzen wahrscheinlich zwei, drei Leute (...) die haben vielleicht auch nichts Besseres zu tun. Und fangen dann, in meiner Welt, mit so einem Quatsch an.“ Gottschalk war der Meinung, er könne sich gut in die Situation von diskriminierten Afroamerikanern hineinversetzen, weil er sich auf einer Party in Los Angeles als Jimi Hendrix verkleidet habe.

Der WDR, Kunze und Beisenherz haben sich inzwischen für die Äußerungen beziehungsweise die einseitige Zusammenstellung der Gesprächsrunde entschuldigt. Das ändert für Rose „nichts an der Tatsache, dass in großen Teilen der Medienlandschaft keinerlei Bewusstsein für den in der Gesellschaft weit verbreiteten und gewaltbereiten Antiziganismus vorhanden ist. Gleichzeitig stellen wir fest, dass in den sozialen Medien die Kritik an dieser Sendung, zumal von jungen Menschen, sehr deutlich geäußert wird - eine positive Entwicklung, die auch gegen die zunehmenden Hass-Kommentare im Internet steht.“ Vor allem auf Twitter hatten Hunderte von Usern die erstmals Ende November ausgestrahlte Sendung massiv kritisiert.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma empfindet es laut der Pressemitteilung „als unverschämt und beleidigend, wenn in der Sendung billige Witze auf Kosten einer Minderheit gemacht werden, ohne dass die Moderation in irgendeiner Form eingreift“. Vielmehr habe der Moderator Hallaschka Diskutanten durch die Art der Zwischenfragen dazu gedrängt, ihre Aussagen auf Kosten von Minderheiten noch zu verschärfen. Dies sei im öffentlich-rechtlichen Rundfunk absolut inakzeptabel. Hinzu komme, dass bereits der Einspieler zur Sendung genau die antiziganistischen Aussagen aufgenommen hat, die von den Diskutanten später wiederholt wurden, und die Sendung gezielt auf diese ausgerichtet wurde. „Es kann keine Rede davon sein, etwas sei hier 'aus dem Ruder gelaufen'“, bezieht sich der Zentralrat auf die Entschuldigung des WDR.

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Dass eine solche Sendung ausgestrahlt wurde, zeigt für den Zentralrat, dass Antiziganismus als Teil des Alltagsrassismus und als Problem nicht ernst genommen werde. Aufgrund des redaktionellen Versagens werde er sich an die Programmverantwortlichen beim WDR wenden und sie um ein klärendes Gespräch bitten. Darin soll es auch darum gehen, wie der WDR zu verhindern gedenkt, dass mit solchen Sendungen, wie „Die letzte Instanz“ auf dem Rücken von marginalisierten Gruppen die Quote erhöht werden soll.

Schließlich fordert der Zentralrat: „Es ist überfällig, dass Vertreterinnen und Vertreter der Sinti und Roma in den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sender wie in der Medienaufsicht für die Privatsender endlich einen festen Platz erhalten, um der Normalität des Antiziganismus, wie er sich immer wieder in den Medien zeigt, entgegenzutreten.“ Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma werde sich gemeinsam mit seinen Landesverbänden hierzu an die jeweils verantwortlichen Institutionen wenden.

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion