Justiz - Ein 40 und 35 Jahre altes obdachloses Paar muss sich vor dem Heidelberger Landgericht verantworten Freier vergewaltigt

Von 
Michaela Roßner
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Das Heidelberger Landgericht. © Philipp Rothe

Heidelberg. Statt Sex von einer illegalen Prostituierten zu bekommen, wird ein 46-Jähriger vom Partner der Frau missbraucht: Vor dem Heidelberger Landgericht hat am Dienstag ein Prozess wegen gemeinschaftlich begangener Vergewaltigung begonnen. Das mutmaßliche Opfer ist ein halbes Jahr nach dem Erlebten offenbar immer noch stark traumatisiert und hat Mühe, als Zeuge vor Gericht aufzutreten. Die als seine Peiniger Angeklagten schweigen am ersten Tag der Hauptverhandlung zum Geschehen – und so bleibt dem 46-Jährigen eine detaillierte Schilderung des traumatischen Erlebnisses nicht erspart.

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Die 35-jährige Angeklagte soll mitten in der Corona-Pandemie unerlaubt sexuelle Dienstleistungen angeboten haben. „Nicoletta“ habe das spätere Opfer zwei Mal in seiner Wohnung besucht und für 50 Euro das gegeben, was er von ihr gewünscht hatte, referiert die Staatsanwältin. Beim dritten Kontakt soll alles anders gewesen sein: „Als er wie verabredet in die Unterkunft von B. kam, sah er den ihm als ,Beschützer’ bekannten D. halb bekleidet im intimen Zusammensein mit der Partnerin.“ Die habe ihren Freier aufgefordert, ebenfalls sexuelle Handlungen am „Hausherren“ vorzunehmen.

Auf Matratze fixiert

Als sich der auf Sex eingestellte Gast schließlich bäuchlings und mit entblößtem Unterkörper auf eine Matratze legte, habe sich die 35-Jährige ihm zugewandt. Allerdings habe sie sich auf seinen Kopf gesetzt und ihre Füße auf seine Hände gestellt. Derart gefesselt, habe sich der Besucher nicht wehren können, als der Lebensgefährte der Frau sich plötzlich ebenfalls über ihn warf und den Fixierten vergewaltigte. Der Geschädigte habe unter Todesangst gelitten und sei nach der Tat in Panik nach Hause gelaufen, führt die Vertreterin der Anklage weiter aus.

Er leide seither unter Schlafstörungen sowie Angst- und Panikattacken und werde psychotherapeutisch behandelt, referiert der Vorsitzende Richter Markus Krumme. Mit Blick auf die bevorstehende Hauptverhandlung habe sich sein Befinden verschlechtert. Die Vorstellung, seinen mutmaßlichen Peinigern noch einmal gegenüberzustehen, bedeute reinen Horror für ihn. Auf Antrag des Nebenklage-Vertreters sagte der 46-Jährige in einem anderen Raum aus. Per Videoübertragung verfolgten Richter, Staatsanwältin, Gutachter sowie die Angeklagten mit ihren Verteidigern die Schilderung. Die Öffentlichkeit blieb während dieser Prozessphase ausgeschlossen.

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Zuvor macht sich das Gericht ein Bild von den beiden Angeklagten. Das Paar war erst drei Monate vorher aus Ungarn nach Deutschland gekommen. „Wir wollten uns hier etwas aufbauen“, erzählt die vierfache Mutter, die in erster Ehe geschieden wurde und den Mitangeklagten vor gut zehn Jahren kennenlernte. „Wir haben uns sehr gut verstanden“, beschreibt sie, während eine Dolmetscherin ihre Aussage vom Ungarischen ins Deutsche überträgt. In ihrer Heimat hat die Frau unter anderem wegen 16 Diebstählen bereits fünf Jahre Gefängnis hinter sich gebracht.

Freunde hätten ihnen den Rat gegeben, nach Deutschland zu kommen, erinnert sich ihr Partner, der wegen Körperverletzung und Diebstählen ebenfalls bereits Hafterfahrung besitzt. Ein abbruchreifes Haus in Heidelberg-Kirchheim wird ihr illegales Zuhause. Hier soll sich auch die Tat ereignet haben,

Lebensunterhalt erbettelt

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„Wir sind betteln gegangen, haben 600 bis 800 Euro gesammelt pro Monat“, berichtet der 40-Jährige, Eine Arbeitserlaubnis hatten beide nicht. Alle zwei Tage einen Liter Wodka habe er in den vergangenen 1,5 Jahren konsumiert. „Ich trinke nicht, habe aber ab und an Speed genommen“, berichtet seine Lebensgefährtin ebenfalls über Drogenmissbrauch. So hätten sie zusammengelebt. „Und dann ist eben diese Sache hier mit Herrn X. passiert.“

Redaktion Redakteurin Redaktion Metropolregion/Heidelberg