Soziales - Netzwerk Alternsforschung bildet Interessierte zu „Demenz-Partnern“ weiter / Praktische Tipps für Angehörige und Pflegende „Diskussionen führen nur zu weiterer Verunsicherung“

Von 
Michaela Roßner
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Gewohnte Tätigkeiten wie Kartoffelschälen geben Demenzpatienten das Gefühl, gebraucht zu werden. So lange wie möglich sollten sie an Alltagsbeschäftigungen beteiligt werden, wünschen sich Experten. © dpa

Heidelberg. „Dunkle Wolken im Kopf“ hat eine Patientin ihre beginnende Krankheit einmal beschrieben. Die Welt der an Alzheimer oder anderen Demenzen Erkrankten bleibt dem Umfeld meist verschlossen. Das Netzwerk Alternsforschung (NAR) der Heidelberger Universität bietet eine kostenlose Weiterbildung zum „Demenz-Partner“ und möchte so helfen, die Krankheit besser zu verstehen und den Zugang zu den Betroffenen zu erleichtern.

Netzwerk mit vielen Partnern

  • Das Netzwerk Alternsforschung (NAR) wurde im Sommer 2007 von der früheren Bundesfamilienministerin Ursula Lehr gegründet.
  • Im NAR sind die Uni Heidelberg mit ihren Medizinischen Fakultäten, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), die Uni Mannheim, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim sowie das Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und Demographischer Wandel (MEA) zusammengeschlossen. Gründungsdirektor ist Konrad Beyreuther (Infos: www.nar.uni-heidelberg.de).
  • Die Fortbildung zum „Demenz-Partner“ wird etwa einmal im Monat angeboten. Der nächste Termin: 11. Februar (per Skype), 13 Uhr. Anmeldung: 06221/54 81 01 oder per Mail an demenzpartner@nar.uni-heidelberg.de. 
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Seit August 2019 bietet das Netzwerk Alternsforschung die kostenlosen Kompaktkurse an. Sie sind jeweils auf 90 Minuten ausgelegt und können aufgrund der Pandemie im Moment nur über Video-Telefon (Skype) angeboten werden, erklärt Organisatorin Birgit Teichmann. Die Biologin und Gerontologin gehört zum NAR-Direktorium.

Der Kurs richte sich „an jeden, der etwas über den Umgang mit Menschen mit Demenz erfahren möchte“, erklärt Teichmann. An diesem Mittag ist es nur ein halbes Dutzend Teilnehmer, wohl wegen des Lockdowns, die sich auf dem Bildschirm „versammeln“. Aufgrund der aktuellen Situation gibt es die Schulung im Moment nur über Skype.

Andere Ursachen ausschließen

Eine professionelle Pflegekraft ist an diesem Tag dabei, die mehr über den Umgang mit Demenzpatienten erfahren möchte, eine pflegende Angehörige mit ganz frisch vielen Fragen und eine Dame, die regelmäßig mit Familienmitgliedern von Demenzerkrankten nach individuellen Lösungen der Betreuung sucht.

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Nicht jede Einschränkung des Gedächtnisses muss auf eine Demenz hinweisen, erklärt Teichmann in ihrer kompakten Einführung. So komme etwa auch eine Depression als Ursache in Frage. Körperliche Faktoren wie Bluthochdruck oder ein Hirntumor müssten abgeklärt werden. Es gebe gute Diagnoseeinrichtungen, etwa die Gedächtnisambulanz des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim oder in der Gerontopsychiatrie im Psychiatrischen Zentrum Wiesloch.

Eine Demenz sei aber viel mehr als der Verlust der geistigen Fähigkeiten. Auch die Wahrnehmung und das Erleben der Kranken ist beeinträchtigt. Dinge besitzen oft ganz andere Bedeutung als in der Welt der Gesunden. „Ich kenne mehrere Beispiele, in denen dunkle Teppiche aus der Wohnung entfernt wurden, weil die Demenzpatienten sie für Löcher hielten und Angst hatten, hineinzufallen“, schildert Teichmann ein Beispiel.

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Etwa 300 000 Menschen erhalten in Deutschland jedes Jahr die Diagnose Demenz, etwa 1,6 Millionen Männer und Frauen leben nach Angaben des Bundesfamilienministeriums damit. Teichmann geht davon aus, dass tatsächlich noch viel mehr Menschen betroffen sind, aber keine Diagnose haben (möchten). Auch wenn Demenz nicht heilbar ist, gehen die Experten doch davon aus, dass jeder Mensch etwas tun kann, um sein persönliches Risiko positiv zu beeinflussen. „Schon ab 40 Jahren sollte man beginnen, seinen Alltag bewusst aktiver zu gestalten“, rät Teichmann. Ein Beispiel: „Beim Ausräumen des Geschirrspülers Balanceübungen einbauen“, rät sie. Sport und Kopfarbeit seien wichtig, aber auch eine ausgewogene, „mediterrane“ Ernährung mit viel Fisch, Gemüse und Olivenöl.

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Demenz-Erforscher empfehlen auch sogenannte „Dual-Task-Übungen“, bei denen zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen mussten – Laufen und Rechnen etwa. Oder etwas Neues lernen: „Klavierspielen ist ganz prima. Auch eine neue Fremdsprache wäre eine Möglichkeit.“

Und was macht den Umgang mit Demenz-Patienten leichter? „Nicht auf Defizite hinweisen, wir können Menschen mit Demenz nicht ändern“, betont Teichmann. Respekt und Wertschätzung sollten das Miteinander prägen, und „Ruhe und Sicherheit“, die man der Person vermittle. Diskussionen seien zu vermeiden – „sie führen zu nichts als weiterer Verunsicherung“.

Ein großes Problem sei, dass den Patienten in Pflegeeinrichtungen „von heute auf morgen alle Aufgaben abgenommen werden“. Ob Kartoffelschälen oder Pflanzen pflegen: Alltagsbeschäftigungen gäben das Gefühl, gebraucht zu werden. Emotionen bleiben Demenzpatienten bis zum Schluss erhalten.

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Redaktion Redakteurin Redaktion Metropolregion/Heidelberg