Clubszene in Heidelberg Clubsterben in Heidelberg: „Eindeutiger Abwärtstrend“

Von 
Benjamin Jungbluth
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Inzwischen abgerissen, doch einst eine Heidelberger Institution: der Schwimmbad-Musik-Club im Neuenheimer Feld (hier ein Bild aus dem September 2015). © Rothe

Heidelberg. Wie steht es um die Heidelberger Clubszene? Mit dieser Fragestellung hat sich die Stadt an Professor Johannes Glückler vom Geographischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität gewandt, nachdem das Thema Clubsterben vermehrt in der öffentlichen Diskussion aufgekommen ist. Ein Interview über den „frappierenden“ Rückgang an Veranstaltungen, mögliche Ursachen und einen Lösungsansatz aus Mannheim.

Professor Glückler und die Studie

Johannes Glückler (45) ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeographie an der Universität Heidelberg. Nach dem Studium der Geographie, Psychologie und Soziologie in Würzburg, Salamanca und London sowie der Promotion an der Universität Frankfurt lehrte er zuvor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Bei der Clubstudie wurden sechs Musikclubs gezählt: Halle02, Karlstorbahnhof, Villa Nachttanz, Cave 54, Breidenbach Studios und Jazzhaus.

Einige große traditionelle Spielstätten – wie die Nachtschicht oder der Schwimmbad-Musik-Club – wurden nicht erfasst, weil sie in den vergangenen Jahren geschlossen worden sind.

Grundlage der Club-Studie sind eine nicht-repräsentative Onlinebefragung von 1238 Teilnehmern, Interviews mit Clubbetreibern und Experten der Szene sowie die Auswertung von Veranstaltungsankündigungen. beju 

Die Übersichtskarte der Studienmacher zur aktuellen Clubszene in Heidelberg finden Sie hier.

 

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Herr Professor Glückler, im Nachtleben sind „Clubs“ heute ein gängiger Begriff, während es kaum noch „Discos“ gibt. Um was dreht sich denn nun die Diskussion beim sogenannten Clubsterben?

Johannes Glückler: Das ist in der Tat nicht immer ganz klar, denn die Begriffe sind nicht trennscharf. Wir haben bei unserer Untersuchung festgestellt, dass viele Menschen den Begriff „Club“ für nahezu jede Art von Örtlichkeit verwenden, wo sie abends gerne hingehen und Musik hören können. LiveKomm, der Verband der Musikspielstätten in Deutschland, definiert hingegen „Musikclubs“ als Orte, an denen mindestens 24 Live-Konzerte pro Jahr mit jeweils maximal 2000 Besuchern gespielt werden - alles darüber sind Großspielstätten. Auch DJs zählen dabei übrigens mit, sofern sie aktiv in die Musik eingreifen und nicht nur auf den Startknopf einer Anlage drücken. Daran haben wir uns in der Studie orientiert.

Bei einer solchen Auslegung gibt es in Heidelberg vermutlich nicht viele Clubs...

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Glückler: Meine Mitarbeiterin Claudia Sandoval hat nach einer aufwendigen Auswertung sechs solcher Musikclubs definieren können. Außerdem haben wir zehn weitere Clubs gezählt, bei denen es noch mehr als zwölf Konzerte im Jahr gibt, sowie 16 Musikspielstätten, die nur gelegentlich Live-Auftritte bieten. Dazu kommen rund 600 Gaststätten und Vereine mit einer rein technischen Wiedergabe von Musik. Alles in allem also immer noch recht viel, aber eben auch deutlich weniger als noch vor zehn Jahren.

Welche Entwicklung konnten Sie in Heidelberg feststellen?

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Glückler: Einen eindeutigen Abwärtstrend: Die Zahl der Veranstaltungen in Clubs ist in der vergangenen Dekade um 60 Prozent gesunken, die der Veranstalter gar um 65 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist hingegen die Bevölkerung in Heidelberg um rund zehn Prozent gestiegen. Das ist schon eine frappierende Entwicklung, auch wenn sie durchaus dem Bundestrend folgt. Lediglich die Halle02 und der Karlstorbahnhof konnten in dieser Zeit ihr Angebot erhöhen.

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Gerade diese beiden Clubs haben immer wieder Diskussionen ausgelöst, weil sie städtische Fördermittel erhalten. Sind solche Unterstützungen also sinnvoll?

Glückler: Einerseits auf jeden Fall, weil eben für viele Veranstalter die Kosten ein schwieriges Thema sind. Andererseits führen solche einzelnen Förderungen immer zu Marktkonzentrationen, und manche Clubs bleiben dabei eben auf der Strecke.

Welche Ursachen gibt es denn überhaupt für den Rückgang der Clubs?

Glückler: Das ist eine schwierige Frage, die nicht Teil des Auftrags für unsere Studie war. Grundsätzlich sind Clubs immer Brutstätten für Trends und neue Subkulturen, deshalb gibt es oft viel Wechsel und Veränderung. Doch inzwischen scheinen viele jüngere Menschen beim Nachtleben nicht mehr so sehr an klassischen Clubs interessiert zu sein - vielleicht, weil sie es dank ständig multimedial verfügbarer Musik nicht mehr sein müssen. Auch die Ansprüche der Gäste und damit die Kosten für die Veranstalter sind sicherlich gestiegen. Gleichzeitig gibt es heute mehr Diskussionen um Lärmschutz, wie beispielsweise in der Altstadt. Und auch der Abzug der US-Amerikaner hat in Heidelberg Spuren hinterlassen: Mit ihm ist die Hip-Hop- und Jazz-Szene geschrumpft.

Welche Möglichkeiten zum Gegensteuern ergeben sich daraus?

Glückler: Einige kleine, die kombiniert werden sollten. Neben öffentlichen Förderungen - die aber nicht nur einzelnen Clubs zugutekommen dürfen - ist eine öffentliche Anerkennung des Themas wichtig. Schließlich zieht eine lebendige Clubszene kreative Köpfe und damit Wirtschaftskraft an. Die in Mannheim umgesetzte Idee eines Nachtbürgermeisters finde ich deshalb toll - das ist ein sehr progressiver Ansatz. 

Die Übersichtskarte der Studienmacher zur aktuellen Clubszene in Heidelberg finden Sie hier.

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Veröffentlicht
Von
Julian Eistetter
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Freier Autor Freier Journalist für die Region Heidelberg, Mannheim und Rhein-Neckar. Zuvor Redakteur bei der Schwetzinger Zeitung, davor Volontariat beim Mannheimer Morgen. Neben dem Studium freie Mitarbeit und Praktika u.a. beim Mannheimer Morgen, der Süddeutschen Zeitung, dem SWR und der Heidelberger Studentenzeitung ruprecht.