Geschichte Blitzlicht auf jüdisches Leben

Von 
Anika Pfisterer
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Als Schauplatz jüdischer Geschichte kennt man die Alte Brücke kaum: Das Projekt des Vereins Heidelberger Lupe offenbart historische, aber vergessene Schauplätze in einer Fotoausstellung im Rathaus. © privat

Heidelberg. So oft sie von Postkarten lacht und Touristenmassen standhält – als Schauplatz jüdischer Geschichte kennt man die Alte Brücke kaum. Mit dieser vergessenen oder verdrängten Vergangenheit ist sie nicht alleine: Die Fotoausstellung „Spuren jüdischen Lebens in Heidelberg“ zeigt Orte der Stadt aus einer alten und doch neuen Perspektive. Zu sehen ist sie von 20. Januar bis 14. Februar im Heidelberger Rathaus.

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Die Ausstellung ist das Ergebnis eines Projekts des Geschichtsvereins Heidelberger Lupe, der jüdischen Kultusgemeinde und des studentischen Vereins Weitblick. Zehn junge Erwachsene aus Belgien und Deutschland zwischen 18 und 26 Jahren stellten sie mit Fotograf Shay Dashevsky zusammen.

„Wir wollten nicht einfach eine Stadtführung auf die Beine stellen“, erklärt Verena Meier vom Verein Heidelberger Lupe. „Uns war wichtig, dass die Teilnehmer sich aktiv mit der jüdischen Geschichte auseinandersetzen.“ Die 26-jährige Viola Renner-Mock war eine davon: „Mein Blick auf Städte hat sich durch den Workshop geschärft. Obwohl wir auch viele Orte mit einer dunklen Vergangenheit kennenlernten, ist das für mich eine Bereicherung.“

Ehemaliges Sanatorium
So erfuhren die Teilnehmer, dass in der Kurfürstenanlage – dort, wo heute Schwanenteich und Parkanlage stehen – vor 80 Jahren 300 Heidelberger Bürger in das Internierungslager Gurs nach Südfrankreich deportiert wurden. Es gibt auch schöne Momente der jüdischen Geschichte: In Neuenheim in der Mönchshofstraße Nr. 15 gründete die Psychoanalytikerin Frieda Reichmann 1924 ein Kindersanatorium mit jüdisch-orthodoxer Ausrichtung, in dem auch ihr späterer Mann Erich Fromm wirkte. Vier Jahre später schloss das Sanatorium. Das Haus ist geblieben – die Erinnerung nicht.

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Auf den Fotos der Ausstellung ist auch das jüdische Leben von heute eingefangen: So die auf den ersten Blick unscheinbare Bäckerei Seip in der Häusserstraße 7. Hierher kommen Juden aus der gesamten Rhein-Neckar-Region, um das traditionelle Challot-Brot für Schabbat zu kaufen.

Das viertägige Programm ging über das reine Fotografieren hinaus; es war als Begegnung konzipiert: „Viele Projekte behandeln jüdische Themen – aber ohne Juden“, so Meier. Das sollte anders werden: Der Berliner Fotograf Shay Dashevsky, der den Teilnehmern des Handwerk näherbrachte, ist selbst Israeli. Die Teilnehmer trafen auf den Rabbiner Janusz Pawelcyk-Kissin und Vadim Galperin, den Vorstandsvorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde in Heidelberg, besuchten am Schabbat die Synagoge und wurden von dem Student Daniel Golokov durch die Hochschule für Jüdische Studien geführt. Das waren auch die Begegnungen, die die Teilnehmer prägten: „Daniel hatte uns eine moderne und akademische Sichtweise auf das Judentum vermittelt. In der Gemeinde, die jüdisch-orthodox ausgerichtet ist, sind wir auf eine traditionellere Sicht getroffen. Das waren völlig andere Welten“, erinnert sich Teilnehmerin Renner-Mock. Genau solche Erfahrungen müssten Menschen machen, um mit ihren Stereotypen zu brechen, findet Meier vom Verein Heidelberger Lupe: „Gesellschaften sind viel pluraler, als wir mit unseren Schemata erfassen können.“

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Didaktisches Konzept
Die Bilder wurden mit Analogkameras und auf Schwarzweißfilm aufgenommen: „Wenn man analog fotografiert, muss man sich jeden Schuss gut überlegen und sich anders mit dem Motiv auseinandersetzen – viel bewusster“, erklärt Fotograf Dashevsky. Gemeinsam entwickelte die Gruppe den Film und erstellte Fotoabzüge in der Dunkelkammer des Kalamari Klubs und erstellte die Ausstellungstexte. Dahevskys erzählt von seinem Lieblingsmoment: das Staunen in den Augen der Teilnehmer, als die Motive im Entwicklungsbad langsam erschienen – Tage nach der Aufnahme.

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„Die Kombination von geschichtlichem Lernen und Fotografie hat gut funktioniert“, resümiert Meier. Sie könne sich vorstellen, dass sich das Konzepte auch auf andere Regionen übertragen lasse, etwa in der Ukraine oder Polen. Dort hätten Juden ehemals große Teile der Bevölkerung gestellt. Aufgearbeitet sei diese Vergangenheit noch wenig.