Heddesheim - Heimatforscher Einhard Kemmet blickt in die Berichte seines Großvaters, des früheren Bürgermeisters Johannes Moos 1946 fordert der Rathauschef mehr Zeitungen für Heddesheim

Von 
Anja Görlitz
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Heddesheim im Sommer 1946. Gut ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Zeiten noch schwierig, doch es gibt Lichtblicke. „Die Diebstähle an Kleintieren sind zurückgegangen“, schreibt Bürgermeister Johannes Moos (1887-1965) an den Landrat. „In der Ernährungslage ist durch den Anfall von Frühkartoffeln eine leichte Besserung eingetreten“, berichtet er weiter. Und schließlich weist Moos auf ein Ereignis hin, das der „Mannheimer Morgen“ in diesem Jahr feiert: Das erstmalige Erscheinen der Zeitung, die anfänglich noch „Der Morgen“ hieß.

Bürgermeister Johannes Moos (1887- 1965) um 1950. © privat/Kemmet

720 Exemplare waren zu wenig

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Auszüge aus jenem Schreiben hat Moos’ Enkel Einhard Kemmet jetzt dieser Redaktion gemailt. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des „MM“ präsentieren wir zurzeit immer dienstags die Originalseiten ausgewählter Ausgaben. Zum Auftakt am 5. Januar war dies die Titelseite vom 6. Juli 1946 und Kemmet einer von vielen Lesern, die sich darüber freuten. Zugleich erinnerte sich der in Heddesheim aufgewachsene Heimatautor an eben jenen Bericht, den sein Großvater Johannes Moos am 24. Juli 1946 verfasste. Wörtlich heißt es darin:

„Anstelle der Rhein-Neckar-Zeitung erscheint jetzt für die hiesige Gemeinde die Zeitung „Der Morgen“ mit einer Zuweisung von 720 Exemplaren. Es befinden sich hier ca.1400 Familien, sodass eine Erhöhung der hierher zugewiesenen Zeitungen dringend am Platze wäre.“

18 Tage zuvor war „Der Morgen – Mannheimer Zeitung“ erstmals erschienen. Wie alle Lizenzzeitungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Blatt von den alliierten Besatzungsmächten kontrolliert, in diesem Fall von der US-Militärregierung. Papiermangel war seinerzeit ein großes Problem. Auch der „Morgen“ erschien zunächst nur an drei, später an vier Tagen pro Woche mit lediglich vier Seiten, samstags sechs. Manchmal waren es noch weniger, wenn das Papier besonders knapp war. Die Auflage lag anfänglich bei 71 000 Exemplaren, wie „MM“-Archivar Raimund Dunschen weiß. Bis zum Ende des ersten Jahrgangs stieg sie auf 80 000 an.

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Während die Besatzungsmächte durch eine mehr oder weniger strikte Zensur die „Umerziehung“ der Deutschen nach der Nazi-Diktatur verfolgten, war die Zeitung bei der Bevölkerung nicht nur als Informationsmedium heiß begehrt. Ihre kostbaren Seiten waren auch im Alltag von praktischem Nutzen, etwa beim Einwickeln von Lebensmitteln, Verpacken von Dingen oder zur Verwendung als Klopapier. Wohl auch deshalb werden die Heddesheimer „ausgelesene“ Exemplare eher ungern aus der Hand gegeben haben.

Ob nun Johannes Moos mit seinem Ansinnen beim Landrat Erfolg hatte und das Tabakdorf mehr Zeitungen erhielt, muss an dieser Stelle offen bleiben. „Aus den weiteren Berichten geht das nicht hervor“, sagt Einhard Kemmet. Dem 69-Jährigen liegen die Schreiben seines Großvaters aus der Zeit vom September 1945 bis August 1947 vor. Darauf gestoßen hatte ihn der Heddesheimer Klaus Schneider, der sie bei seinen Recherchen für die Orts-Chronik im Gemeindearchiv fand. An dem Werk, das 2017 anlässlich der 1100-Jahr-Feier der Ersterwähnung Heddesheims im Lorscher Codex erschien, schrieb auch Kemmet mit. Man lernte sich kennen, und Schneider erfuhr, dass er es mit dem Enkel des ehemaligen Bürgermeisters Johannes Moos zu tun hatte, dessen Berichte er sich im Archiv kopiert hatte. Berichte, von denen der seit elf Jahren in Leutershausen lebende Kemmet bis dahin nichts wusste.

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Für den früheren Grabungstechniker am Kurpfälzischen Museum Heidelberg, der auch in seiner Heimatgemeinde Heddesheim buchstäblich schon viele Steine umgedreht hat, stellen die Dokumente eine ganz neue Fundgrube dar. Auch für die Biografie seines Großvaters kann er daraus schöpfen. In irgendeiner Form würde er die Texte auch gern als Gesamtheit der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen: „Die Schilderungen geben einen guten Einblick in jene Lebenssituation der ersten beiden Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.“

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Schon davor war Kemmets Großvater drei Jahre lang Heddesheimer Bürgermeister gewesen. „Die Nationalsozialisten hatten ihn 1933 abgesetzt, die Amerikaner setzten ihn 1945 wieder ein“, berichtet der Enkel: „Danach war er als gewählter Bürgermeister bis 1956 im Amt.“

Fundgrube im Gemeindearchiv

Dass er in den ersten Nachkriegsjahren jene Schreiben verfasste, ist einer Anordnung des damaligen Landrats Karl Geppert zu verdanken. Dieser hatte im August 1945 in einer Rundverfügung veranlasst, dass die Bürgermeister zunächst wöchentlich – spätestens Freitagnachmittag – einen Lagebericht vorzulegen hätten, damit dieser an das US-Militär weitergegeben werden konnte. „Bemerkenswert ist, dass die Heddesheimer Berichte damals regelmäßig nach Vorschrift dem Landrat übermittelt wurden“, sagt Kemmet.

Die Durchschläge der rund 60 Schreiben sind noch vollständig im Gemeindearchiv vorhanden. Dies sei besonders erfreulich und nicht in allen Kommunen der Fall. Was möglicherweise auch daran liegen könnte, dass es nicht alle Rathäuser mit der Verfügung des Landrats so genau nahmen. So mahnt Geppert am 11.10.1945 in einem Rundschreiben an die Bürgermeister eine pünktlichere Lieferung an. Die Wochenberichte kämen „verspätet zur Vorlage oder werden überhaupt nicht erstattet“, beklagt der Landrat: „Eine Anzahl von Gemeinden meldet jede Woche Fehlanzeige.“ Heddesheim und seinen ersten Nachkriegsbürgermeister kann er damit nicht gemeint haben.

Redaktion Redakteurin Neckar-Bergstraße