Edingen-Neckarhausen - Erinnerung an den im KZ ums Leben gekommenen Julius Helmstädter soll ergänzt werden SPD will Würdigung aller Opfer

Von 
Hans-Jürgen Emmerich
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Der Weg am Neckar soll nach Julius Helmstädter benannt werden, doch die SPD will alle Opfer des Nationalsozialismus würdigen. © Hans-Jürgen Emmerich

Edingen-Neckarhausen. Dass ein Teil des Neckarufers in Edingen nach Julius Helmstädter benannt werden soll, war im Juni 2020 im Gemeinderat von Edingen-Neckarhausen nahezu unumstritten. Nur die CDU versagte dem UBL-Vorschlag ihre Zustimmung. Aus der Stellungnahme der SPD-Fraktion wurde deutlich, dass jener Sozialdemokrat nicht der einzige war, der unter dem Unrechtsregime der Nationalsozialisten gelitten hat. „Jedes Opfer hat das gleiche Recht auf Anerkennung und Würdigung“, sagte Gemeinderat Thomas Zachler in der Aussprache.

Die Gleichschaltung 1933 in Edingen

Die Gleichschaltung der politischen Gremien begann am 10. April 1933 auf der Grundlage des „Vorläufigen Gesetzes zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich“.

Die Sitze im Gemeinderat und im Bürgerausschuss sollten anteilsmäßig dem Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 angepasst werden, jedoch ohne Berücksichtigung der KPD und der Sozialistischen Kampfgemeinschaft.

Somit sollte die NSDAP drei Sitze im Gemeinderat erhalten, die SPD einen und die Badische Zentrumspartei zwei. Für eine Mehrheit reichte das der NSDAP also nicht.

Für die NSDAP zogen Ludwig Obländer, Ferdinand Maas und Valentin Ding in den Rat ein, für die SPD Karl Keller, für die Zentrumspartei Karl Schön und Josef Klemm. Schön und Klemm lehnten das neue Amt ab, an ihre Stelle traten die nächsten der Liste, Georg Finzer und Otto Mülbert.

Am 27. Juli 1933 wurden die Gemeinderäte und Ersatzmitglieder der Zentrumspartei zum Verzicht gedrängt. (Quelle: Ortschronik Edingen, Ralf Fetzer)

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Genau daran knüpft jetzt, rund ein halbes Jahr später, ein Antrag der SPD an. Er datiert vom 27. Januar und nennt fünf weitere Namen, die auf einer Gedenktafel am Neckarufer verewigt werden sollen. „Auch in unserer Gemeinde gab es Übergriffe durch Einheimische auf hier im Ort lebende Menschen, auf Familienangehörige, Schul- und Arbeitskollegen, Nachbarn, Sportkameraden und Sangesfreunde“, schreiben die Sozialdemokraten in ihrem Antrag: „Und es gab offensichtlich ebenso genügend Menschen, die diesem Treiben zusahen, dieses auch billigten oder sogar zum Vorbild für ihr eigenes Tun nahmen.“

Für die SPD ist die Würdigung von Helmstädter deshalb nur ein erster Schritt. Konkret geht es in dem Antrag um vier weitere Gemeinderäte aus Edingen, die unter dem Druck der Nazis ihr Mandat niederlegten. Einzelheiten dazu zitieren die Sozialdemokraten aus der Edinger Ortschronik von Ralf Fetzer aus dem Jahr 2008. Danach wurden am 16. November 1930 sechs Gemeinderäte gewählt. Für die SPD war das neben dem Maurer Julius Helmstädter auch der Schlosser Helmuth Zwintscher.

Sturm in den Ratssaal

Letzterer bat bereits am 28. September 1932 um seine Entlassung aus dem Amt. Für ihn rückte der in Friedrichsfeld geborene Töpfer Simon Brecht nach. Am 14. März 1933 stürmten laut Chronik vier Angehörige der SA eine Sitzung des Gemeinderates und forderten Helmstädter und Brecht auf, den Raum zu verlassen. Beiden gelang es zunächst, sich durch den zum Neckar gelegenen Garten zu flüchten und sich so einer Verhaftung zu entziehen. Wenig später geriet Zwintscher, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, ebenso wie Simon Brecht in Schutzhaft. Ihnen und dem KPD-Funktionär Engelbert Siebig wurde die Vorbereitung zum Hochverrat vorgeworfen. Auch die beiden SPD-Mitglieder Anton Aulmich und Robert Fischer wurden vorübergehend inhaftiert.

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Die Flucht von Julius Helmstädter endete erst im Oktober 1933. Nach sechs Wochen „Schutzhaft“ kam er wieder frei und konnte als Maurer arbeiten. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde er erneut inhaftiert. Von Mannheim aus gelangte er schließlich ins Konzentrationslager in Dachau, wo er am 11. Februar 1945 verstarb.

Die Sozialdemokraten waren allerdings nicht die einzigen, die zum Verzicht auf ihr Mandat genötigt wurden. Unter Bezugnahme auf eine Verfügung des Innenministeriums richtete der von den Nazis eingesetzte kommissarische Bürgermeister von Edingen am 27. Juli 1933 ein Schreiben an die Gemeinderäte, Bürgerausschussmitglieder und Ersatzmänner der zu diesem Zeitpunkt schon aufgelösten Zentrumspartei und forderte sie auf, ihre Mandate bis vier Uhr am nächsten Tag niederzulegen. Entsprechend vorformulierte Erklärungen lagen bereits bei, wie es in der Ortschronik heißt: „Die beiden wichtigsten politischen Gremien in Edingen waren damit gleichgeschaltet.“

Stolperstein im Oktober

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Die Schilder für das Julius-Helmstädter-Ufer sind nach Angaben von Stabsstellenleiterin Thea-Patrizia Arras aus dem Rathaus bestellt, ein Termin für die Verlegung eines Stolpersteins vor Helmstädters Wohnhaus bei Künstler Gunter Demnig angefragt: „Den erwarten wir frühestens im Oktober.“

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Redaktion Aus Leidenschaft Lokalredakteur seit 1990, beim Mannheimer Morgen seit 2000.