Neckarhausen: Hans-Peter Schwöbel hält im Schloss ein wortgewaltiges Plädoyer für die Bewahrung der Dialekte "Nur in der Sprache ist Heimat"

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Die UNICEF hat das Pfälzische auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Dialekte gesetzt. Aber es gibt Menschen, die sich gegen das Verschwinden zur Wehr setzen. Ein wortgewaltiger Anwalt der Dialekte trat jetzt auf Einladung der Kulturinitiative Edingen-Neckarhausen (KIEN) im Schloss auf: Dr. Hans-Peter Schwöbel, Soziologie-Professor aus Mannheim, Kabarettist, Autor und bekennender Kurpfälzer.

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"Nur in der Sprache ist Heimat, und alle Sprache braucht Beschützer", zitiert Schwöbel den deutschen Juden Josef Weizenbaum, der vor den Nazis in die USA geflohen war. Dass sich der Mannheimer diesem Satz tief verbunden fühlt, zeigt er in jeder Sekunde seines Vortrags. Als Beispiel für das Tiefgründige des Dialekts nennt er den Begriff "raacht er der?". Was etwa "bist Du sauer?" bedeutet. Mit dieser Frage, meint Schwöbel, könnte eine Frau jeden Ehestreit beenden: Entweder der Angetraute wirft sie aus dem Fenster, oder er wälzt sich lachend auf dem Sofa. Der Professor erläutert, dass der Begriff jiddische Wurzeln hat und tief in die Zeit zurückgeht. Dialekte als ein Stück alltäglichen Geschichtsbewusstseins, als Bewahrer der Spuren von Sprachen, als Kulturerbe der Menschheit und Wahrzeichen einer Region. "Wenn Sprache verloren geht, geht auch die eigene Geschichte verloren", folgert er, und Identitätsverlust droht.

Gar nicht leiden kann er Hochdeutsch-Sprecher, die arrogant über Dialekte herziehen: "Do gebt's vun mir was zwische die Aache." Schrecklich findet Schwöbel das "Aufsteiger-Kurpfälzisch" wie man es von Helmut Kohl kennt. Da wird aus "Mir dun die Fieß weh" ein gekünsteltes "Moin Boin schmerzt". Dialekte sind vielfältiger, weniger diszipliniert und geglättet als die Kunstsprache Hochdeutsch: "Ein Hochdeutsch-Sprecher muss zur Theaterschule gehen, um Szenen so lebendig darstellen zu können wie eine Mannheimer Marktfrau." Dialekte haben nichts mit Spießigkeit und Provinzialismus zu tun, sondern mit Vielfalt. Und wenn sich alle Erdenbewohner ähnlich sind, schwindet das Interesse aneinander.

Doch nicht nur das Pfälzische ist bedroht, wie KIEN-Initiator Achim Wirths erläutert. So gibt es in Plouguerneau, der Partnergemeinde von Edingen-Neckarhausen, Bestrebungen, die bretonischen Straßennamen gegen französische auszutauschen, um die Postzustellung zu optimieren. Wirths appelliert an Bürgermeister Lesven, von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen. Natürlich rennt er damit bei Dr. Schwöbel offene Türen ein. "Wenn Dialekt als falsche Sprache interpretiert wird, do geh ich die Wond nuff", wettert er, wie so oft zwischen Hochdeutsch und Dialekt wechselnd. "Losst uns so redde, wie mirs mache", lautet seine Forderung. "Ich würde ja auch nicht in den Norden gehen, um den Leuten das 'Allaa' beizubringen."

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Lehrreiche und amüsante eineinhalb Stunden, die wie im Flug vorbeigingen. Die 50 Besucher bedauerten ihr Kommen nicht, die Daheimgebliebenen haben viel versäumt. kba