Neckar-Bergstraße - Eltern erleichtert über teilweise Rückkehr zum Präsenzunterricht / Für Lehrkräfte eine große Herausforderung Elias freut sich: Endlich wieder Schule

Von 
Hans-Jürgen Emmerich
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Endlich wieder Unterricht in der Schule: So wie Elias aus Neckarhausen freuen sich viele Kinder darüber, dass die Zeit des Zuhause-Lernens zumindest zeitweise vorbei ist. © Marcus Schwetasch

Seit Montag gibt es wieder Unterricht an den Grundschulen. Von einem regulären Betrieb sind die Bildungseinrichtungen für die Erst- bis Viertklässler allerdings noch weit entfernt. Wir haben mit Betroffenen gesprochen, wie Schule nach der jüngsten Lockerung aussieht.

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Hinter dem Begriff Wechselunterricht verbirgt sich eine Art Sparbetrieb: In der ersten Woche sind die Klassen eins und drei an der Reihe, in der zweiten Woche die Klassen zwei und vier. Bereits das bedeutet also eine Halbierung des Angebots. Doch auch diejenigen Jungen und Mädchen, die zur Schule dürfen, sind nach zwei Zeitstunden schon wieder auf dem Weg nach Hause. 120 Minuten Unterricht in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht stehen an den so genannten Präsenztagen auf dem Plan. Danach wird für 20 Minuten gut durchgelüftet, ehe die zweite Schicht ins Klassenzimmer kommt.

„Kein Kind wird abgehängt“

„Ein sehr aufwendiges System“, betont Dagmar Knispel-Gottauf, die Leiterin der Hans-Thoma-Grundschule in Heddesheim. Denn parallel zu diesem Wechselunterricht muss die Notbetreuung wie bisher weiter laufen. 104 Kinder nutzen dieses Angebot aktuell, das ist fast ein Viertel. Diejenigen, die seit Beginn des zweiten Lockdowns daheim bleiben mussten, hatten auch nicht etwa Ferien. „Die machen richtig Unterricht“, erklärt die Schulleiterin. Alle Schülerinnen und Schüler haben Lern- und Übungspläne, die sie Stück für Stück abarbeiten. Daneben gibt es Videokonferenzen und einen Austausch über die Plattform Padlet. „Wir wollen keine Kinder abhängen“, macht Knispel-Gottauf klar.

Dazu gehört auch eine ausreichende technische Ausstattung. Dank einer Spende der Hopp-Foundation und Zuschüssen aus einem Corona-Förderprogramm der Bundesregierung hätten auch diejenigen ein mobiles Endgerät (iPad), deren Familien sich das nicht leisten können. „Es läuft jetzt viel besser als beim ersten Lockdown“, findet die Schulleiterin: „Wir haben das die ganzen Sommerferien über aufgebaut und ein halbes Jahr lang geübt.“ Das sei zwar für alle „eine Riesenherausforderung“ gewesen, aber die Mühe habe sich gelohnt. Besonders stolz ist sie auf die Kleinen: „Die Erstklässler haben das richtig gut gemacht.“ Kompetenz in Sachen Digitales, die erhalten bleibe. Wer trotz allem nicht richtig mitkommt, wird in einer Intensivlerngruppe unterstützt. Hier werden Lehrkräfte tätig, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Schule präsent sein dürfen.

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Auch wenn der Unterricht in den Schulen jetzt nur lückenhaft anläuft, ist bei den Kindern die Freude groß. „Ich freue mich“, erklärt der Zweitklässler Elias Krauß von der Graf-von-Oberndorff-Schule in Neckarhausen schlicht und einfach. Vor allem, weil er dort wieder andere Kinder trifft. „Wenn ich was nicht wusste, konnte ich niemanden fragen, das geht jetzt wieder“, blickt er auf das Lernen zuhause zurück. „Das war schon etwas nervenaufreibend“, bestätigt auch seine Mutter Corinna Zorn. Im Großen und Ganzen sei es zwar gegangen: „Aber eine Mutter ist eben einfach keine Lehrerin.“

Bei Alexandra Zimmermann ist die Freude ebenso riesig, dass es jetzt wieder mit Unterricht in der Schule losgeht: „Die Kinder haben sich unfassbar gefreut.“ Gleichwohl gebe es auch bei den Kleinen Angst, denn die Corona-Zahlen blieben ihnen nicht verborgen. Sorgen bereitet der Elternbeirätin die Tatsache, dass Unterricht massiv gekürzt wurde: „Die Kinder gehen kurz vor acht Uhr aus dem Haus und sind um halb elf schon wieder da.“ Weil sie und ihr Mann beide im Homeoffice arbeiten, bringe das zwar etwas Erleichterung: „Aber aufatmen können wir noch nicht.“ Zudem beschäftigt sie die Unsicherheit, wie es nun weitergeht, ob es vielleicht erneute Einschränkungen gibt.

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„Ich kann mir schon vorstellen, dass es noch eine Weile so geht“, erklärt Angelika Engelhardt, die Leiterin der Graf-von-Oberndorff-Schule in Neckarhausen. Sie zeigt sich dankbar für verständnisvolle Eltern und verweist auf erhebliche Anstrengungen ihrer Kolleginnen. Denn sie geben Präsenzunterricht, kümmern sich um die Kinder in der Notbetreuung und begleiten jene, die zuhause sind, stellen Aufgaben, erstellen Lernpläne und korrigieren das, was ihre Schützlinge eigenständig daheim machen.

„Ein richtiger Befreiungsschlag“

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„Wir arbeiten alle wahnsinnig viel“, bestätigt eine Grundschullehrerin aus Ladenburg, die anonym bleiben will. Auch in der Phase des Lernens zuhause habe sie das Gefühl gehabt, „relativ nah an den Kindern dran zu sein“. Entscheidend in der Schule sei die Beziehungsarbeit, der Umgang miteinander: „Lesen, schreiben und rechnen lernen wir nebenbei.“ Die Kinder seien regelrecht ausgehungert nach Begegnung mit der Lehrerin und mit anderen Kindern, berichtet sie von den ersten Tagen Präsenzunterricht: „Das ist ein richtiger Befreiungsschlag.“

Bei allen Strapazen durch Corona kann sie der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen: Denn der Wechselunterricht sorge für deutlich kleinere Gruppen, in denen sie mehr Zeit für das einzelne Kind habe und auch mal helfen könne, wenn eines nicht so leicht mitkommt. Dass sich diese Einsicht auch in der Praxis durchsetzt, etwa in Form von kleineren Klassen, glaubt sie jedoch nicht: „Da ist die Politik blind.“

Redaktion Aus Leidenschaft Lokalredakteur seit 1990, beim Mannheimer Morgen seit 2000.