Edingen-Neckarhausen: Ein Allmende-Waldgarten entsteht

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Hans-Jürgen Emmerich
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Im Kirchhofpfad in Neckarhausen entsteht ein Waldgarten. Hier sind Aktive gerade dabei, Reisig für Benjes-Hecken aufzuschichten. © Marcus Schwetasch

In den Kronen der Bäume zwitschern die Vögel, Äpfel und Birnen reifen. Darunter wachsen Beeren in den Sträuchern, und ganz unten auf der Erde sprießen Pilze, Kräuter und anderes Essbares aus dem Boden. So soll es einmal aussehen, wenn der neue Allmende-Waldgarten ein Stück gewachsen ist. Noch sieht man von alledem jedoch wenig auf der Wiese im Kirchhofpfad in Neckarhausen.

Edingen-Neckarhausen Im Kirchhofpfad entsteht ein Waldgarten

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Marcus Schwetasch
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Der Waldgarten ist eine Vision von Helga Frohoff und vielen Mitstreitern. Sie hat sich bereits in der Zukunftswerkstatt der Gemeinde engagiert und die Gruppe „naturräumliche Gestaltung“ moderiert. So kam die Idee eines essbaren Gartens im Wald schließlich auch schwarz auf weiß ins Leitbild der Gemeinde. „Mit dem Grundstück ergab sich für uns die Gelegenheit, die Idee zu verwirklichen“, erklärt Frohoff im Gespräch mit dem „MM“. Die 22 Meter breite und 103 Meter lange Parzelle lag jahrelang brach, jetzt wird sie wieder beackert.

„Das Gelände ist nicht so groß, aber perfekt“, sagt Frohoff, die zusammen mit ihren Mitstreitern begonnen hat, das Areal neu zu gestalten. Fachleute stehen mit Rat und Tat zur Seite, ein Gärtner hat einen Plan erstellt. Für die Sträucher gibt es Reiser, die eine Gärtnerei gespendet hat, und die jetzt eingepflanzt werden. Johannisbeeren, Stachelbeeren und eine Kreuzung aus beiden, die Jostabeere.

Bäume sollen im Nordosten gepflanzt werden. „Wir nehmen kleine, für große haben wir kein Geld“, erklärt Frohoff. Der gerade erst gegründete Verein Allmende-Waldgarten will sich deshalb auch um Fördermittel bemühen und Mitglieder gewinnen, die mit einem Jahresbeitrag von 20 Euro das Projekt unterstützen. Bei den Obstbäumen sollen besonders alte Sorten berücksichtigt werden, außerdem sind Laubbäume wie Buche und Linde vorgesehen.

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Salat aus Lindenblättern

Aber was ist an Laubbäumen essbar? Die Antwort kommt spontan. „Aus Lindenblüten kann man Tee kochen“, antwortet Helga Frohoff. Und die Lindenblätter eigneten sich für Salat. „Unsere Vorfahren haben aus dem Wald gelebt“, betont sie. „Ich habe vieles von meiner Mutter erzählt bekommen, die auf einem Bauernhof großgeworden ist“, verrät Frohoff. Wissen, das vielfach verloren gegangen ist. Auch das soll sich mit dem Waldgarten wieder ändern. Eine Ecke des grünen Kleinods soll deshalb zu einem Treffpunkt werden. Hier könnten Kinder aus Kita und Schule lernen, wie sie sich von Mutter Natur ernähren lassen können.

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Erste Sträucher sind gepflanzt, Bäume sollen folgen. Eingefasst wird das Gelände mit Hecken. Weidenruten werden in die Erde gesteckt und unten miteinander verflochten. So können sie ausschlagen und mit ihren Kätzchen als frühe Nahrung für Insekten dienen. Zudem dienen sie anderen Pflanzen wie Weinreben als Stütze, wie Frohoff erläutert. Auch Benjes-Hecken sind im Entstehen: Aufgeschichtetes Reisig und Totholz bieten Vögeln und Nützlingen Unterschlupf.

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„Ein Waldgarten ist weder Wald noch Garten“, erklärt Helga Frohoff. Und doch irgendwie beides. Wenn am Ende rund 40 Bäume auf der Wiese stehen, dann bilden sie schon so etwas wie ein kleines Wäldchen am Ortsrand. In dieser Größenordnung wäre das nahezu einmalig in der Region, wie Jörn Müller betont. Nur in Heidelberg gibt es mit dem Wandelgarten ein ähnliches Projekt. Der Ethnologe und Anglist befasst sich schon seit einigen Jahren mit der Permakultur und bietet auch Beratung und Hilfe bei Anlage und Umbau von Gärten an. In der örtlichen Volkshochschule will er ab März Vorträge und Kurse halten.

Müller hat selbst lange in der Baumpflege gearbeitet. „Wenn man ein ökologisches Gewissen hat, bekommt man da sehr schnell Unbehagen“, erzählt er. Dann stoße man unwillkürlich auf die Permakultur als System, das sich selbst trägt: „Ohne Bäume geht das nicht.“ Der Waldgarten sei eine jahrhundertealte Kulturtradition: „Das funktioniert auf kleinen und großen Flächen.“

Licht in allen Ebenen

Die Vielfalt an Vegetationsschichten des Waldgartens in unterschiedlicher Höhe gewährleistet laut Frohoff eine optimale Lichtausbeute für Pflanzen und schafft viele Nischen für Insekten, Vögel und Kleinsäugetiere. Und warum Allmende? Ursprünglich steht dieser Begriff für ein Gemeinschaftsgut, also Fläche, die von allen gemeinsam genutzt wird. Im Fall des Waldgartens soll dieser Gedanke durch die Vermittlung von Wissen, das gemeinsame Arbeiten und das Teilen der Ernteerträge verwirklicht werden, wie Frohoff erklärt. Dabei verstehen die Waldgärtner ihr Projekt als nur einen von vielen ökologischen Bausteinen in der Gemeinde.

Redaktion Aus Leidenschaft Lokalredakteur seit 1990, beim Mannheimer Morgen seit 2000.