Kraftwerksgelände

„Wir unterschreiben heute die Zukunft für Biblis“

Für die Vermarktung holen sich Kreis, Gemeinde und RWE Unterstützung vom Land. Die Erwartungen sind groß

Von 
Sandra Bollmann
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Wollen in Sachen Kraftwerk eng zusammenarbeiten: Dagmar Cohrs (v.l.), Christian Engelhardt, Volker Scheib, Rainer Waldschmidt und Ralf Stüwe. © Berno Nix

Heppenheim/Biblis. Für Industrie- und Gewerbe ist es ein echtes Sahneschnittchen: Wenn das Bibliser Kernkraftwerk zurückgebaut ist, steht eine Fläche von 60 Hektar bereit – mit Zugang zu Rhein und Bahn und perfekter Infrastruktur. Für die Vermarktung haben sich Kreis, Gemeinde und Kraftwerksbetreiberin RWE nun auch das Land mit ins Boot geholt. Und der Hessische Wirtschaftsförderer Rainer Waldschmidt sieht beste Chancen für den Standort: Von Chip-Herstellung bis E-Mobilität ist für ihn so gut wie alles möglich.

Landrat Christian Engelhardt hat nun alle Beteiligten nach Heppenheim gebeten, um zunächst die Absichtserklärung für die Zusammenarbeit zu unterzeichnen. Eine Kooperationsvereinbarung soll noch in diesem Jahr folgen. Frühzeitig, gezielt und vor allem klug wollen die Partner die Vermarktung angehen. Grundstücke in dieser Größe und Lage seien in ganz Hessen Mangelware, stellte Engelhardt fest.

„Und in Südhessen noch viel mehr“, ergänzte Waldschmidt, der ein riesiges Potenzial in dem Kraftwerksstandort sieht. Als Geschäftsführer der Hessen Trade & Invest GmbH sieht er sich als Dienstleister – für Biblis und auch für den Kreis Bergstraße. Dafür will er seine Kontakte zu „spannenden Investoren nutzen“, wie er deutlich machte. National und international soll das Gelände vermarktet werden, so lautet der Plan. „Wer eine solche Fläche hat, hat gerade sehr gute Verhandlungsoptionen“, machte Waldschmidt deutlich. Sich etwas „herauspicken“, eine gezielte Auswahl treffen, das sei absolut möglich.

Konkrete Anfragen

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„Konkrete Anfragen liegen vor“, bestätigte Ralf Stüwe, seit vergangenem Jahr Leiter des Bibliser RWE-Standorts. „Wir sind in den Gesprächen weiter, als sich in der Absichtserklärung ausdrückt“, berichtete auch Landrat Engelhardt. Konkreter wollten allerdings beide nicht werden. In Biblis wird bereits über eine Batteriefabrik und einen Handy-Hersteller spekuliert. Kommentieren will das auch Bürgermeister Scheib keinesfalls – „viel zu früh“, winkt er ab. Er hält allerdings wenig davon, nur einem einzigen großen Investor das Feld zu überlassen. „Ich möchte einen gesunden Mix erreichen“, stellt er klar.

Von der Zusammenarbeit mit Kreis, Land und RWE als Besitzerin des Geländes erhofft er sich tatsächlich einiges: „Wir unterschreiben heute die Zukunft für Biblis“, das steht für Scheib fest. Die Lage als Standortgemeinde sei schwierig, nun komme es darauf an, „nachhaltige Arbeitsplätze zu generieren“. Dabei will er den Prozess durchweg transparent halten, möglichst viele Bürger sollen sich daran beteiligen. „Es gibt bereits viele Impulse“, berichtet Scheib aus seiner Gemeinde, „aber auch Nöte und Ängste“.

„Die Fläche kann überregionale Bedeutung erlangen“, davon geht Dagmar Cohrs von der Wirtschaftsförderung Bergstraße aus. Der Standort sei weitaus größer als üblich, werde bereits gewerblich genutzt, und auch die Infrastruktur sei bereits vorhanden, zählt sie auf. Tatsächlich hat das Gelände einen Zugang zum Rhein – ein wichtiger Verkehrsweg. Das Flusswasser wurde zudem für die Kühltürme genutzt. Es gibt einen Anschluss an die Bahn sowie ans Strom- und ans Gasnetz. „Wir befinden uns an exponierter Stelle“, befand Standortleiter Stüwe.

Bis das gesamte Gelände vermarktet werden kann, dauert es aber noch Jahre: Die Entlassung aus dem Atomgesetz erfolge 2032, dann erst könne der konventionelle Abriss starten, erläuterte Stüwe. Ob vorher Teilflächen aus den 60 Hektar Kraftwerksgelände herausgenommen werden, sei zu überlegen. Für Wirtschaftsförderer Waldschmidt stellt die Zeitspanne allerdings kaum ein größeres Problem dar. Die Chip-Industrie rechne in Dekaden, führte er als Beispiel an. Lange Vorlaufzeiten seien durchaus üblich.

Geschickte Planung

Nun komme es darauf an, geschickt zu planen. Ein Logistik-Betrieb komme für ihn auf dieser Fläche eher weniger in Frage. Bürgermeister Scheib nickte zustimmend: „Höchstens in Kooperation mit einem anderen Betrieb.“

Auch der Landrat will genau auswählen: „Welche Industrie bietet welche Perspektiven?“ Nachhaltigkeit, grüne Energie, Zukunftsfähigkeit – alles wichtige Faktoren für die neuen Partner. Und auch auf Arbeitsplätze legt die Runde großen Wert: von einfach bis hoch qualifiziert sollte alles dabei sein.

Redaktion Redakteurin "Südhessen Morgen", Schwerpunkt Bürstadt