Umwelt - Energiegenossenschaft Starkenburg erzeugt seit zehn Jahren grüne Energie / Mehr als tausend Mitglieder machen mit Funke zündet in Bürstadt

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Sandra Bollmann
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Auf dem Hallendach: Micha Jost (l.) mit Gunther Gebhardt (hinten) von der TSG und ES-Vorstand Georg Schumacher im Januar 2019 auf dem Dach. © Berno Nix

Bürstadt. „Die Bürger sind in Sachen Klimaschutz deutlich weiter als die Politik“, stellt Micha Jost, der frühere Umweltbeauftragte in Bürstadt fest. Bestes Beispiel dafür: die Energiegenossenschaft Starkenburg (ES). Nach ziemlich genau zehn Jahren beteiligen sich mehr als tausend Menschen an der „Energiewende von unten“. Jost hat inzwischen seinen sicheren Verwaltungsjob an den Nagel gehängt und arbeitet hauptberuflich für die ES.

Genossenschafts-Anlagen in Bürstadt

Solarstark 6: Rathaus-Dach, seit 2012 am Netz, erzeugt bei voller Auslastung – also blauem Himmel – 81,9 Kilowattstunden Energie.

Solarstark 18: Dach der TSG-Halle, produziert seit Januar bis zu 339 Kilowattstunden.

Solarstark 21: Dach der TV-Halle, läuft seit September 2019, mit einer Spitzenleistung von 180 Kilowattstunden.

Wer detailliert verfolgen will, wie viel Strom die Anlagen produzieren, kann unter www.energiestark.de nachschauen: Für jedes Solarstark-Dach gibt es ein Schaubild mit detaillierter Jahres-, Monats- oder Tagesübersicht.

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Mittlerweile produziert die Genossenschaft so viel grüne Energie, dass rein rechnerisch 25 000 Menschen damit versorgt werden könnten. Das würde in etwa für Bürstadt, Biblis und noch ein Stückchen Groß-Rohrheim reichen. Der Zündfunke für die Gründung entstand im Jahr 2009 mit einem Vortrag am damaligen Runden Tisch Energie. Dabei ging es um die Potenziale von Energiegenossenschaften. „Das hat uns restlos begeistert.“ Die große Frage danach lautete: „Kriegen wir so etwas auch in Bürstadt hin?“ Nach Wochen der Sondierung und Suche nach Gründungsmitgliedern habe allerdings festgestanden: Aus dem Projekt wird nichts.

Zumindest in Bürstadt. In Heppenheim fanden sich dann doch noch 13 Mitstreiter zusammen, die die Energiewende mit eigenen Ideen und Projekten in Schwung bringen wollten. Darunter Micha Jost, der Bürstädter Erhard Renz, Solarexperte und heute Grünen-Politiker, und auch Franz Schreier, der gerade ein hochmodernes Photovoltaikgewächshaus auf dem Boxheimerhof entwickelt. Das erste gemeinsame Projekt erzeugte bereits nach fünf Monaten Öko-Strom: Solarstark 1 auf dem Dach der Heppenheimer Firma ESM ging im Mai ans Netz.

Rathaus und Vereinshallen

Zahlreiche Solardächer kamen hinzu, neben etlichen weiteren Projekten auch ein Windpark, und 2014 schließlich die Biogas-Anlage in Lorsch. Für Jost der Zeitpunkt, um die Genossenschaft zu seinem Beruf zu machen. „Abends am Küchentisch noch ein paar Arbeiten erledigen, das hat nicht mehr ausgereicht“, berichtet er. Die Anlage habe sich schnell als zu betreuungsintensiv erwiesen. Also entschloss er sich, seine Arbeit im Bürstädter Rathaus aufzugeben und die Geschäfte für die ES zu führen.

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Mittlerweile betreiben die Starkenburger 31 Bürgersolaranlagen, darunter auch drei in Bürstadt. 2012 ging Solarstark 6 auf dem Rathausdach in Betrieb, 2018 folgte das Dach der TSG-Halle, im Jahr darauf stellte auch der TV sein Hallendach für Photovoltaik-Module zur Verfügung.

Die Genossenschaft sieht in der Zusammenarbeit mit Vereinen große Vorteile: „Sie verfügen über große Hallendächer und wollen ihre Stromrechnung mit selbst genutztem Sonnenstrom senken“, erläutert Vorstandsmitglied Jost. Tatsächlich war die Nachfrage sowohl bei den TV- als auch den TSG-Mitgliedern riesig: Die Anteile gingen weg wie warme Semmeln. Das nächste Vereinsprojekt ist bereits in Planung: Auf dem Dach des Lampertheimer Kanu-Clubs entsteht Solarstark 32. Bereits im Februar soll die Montage beginnen.

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Aus der allerersten Idee bei der Gründung der Genossenschaft ist allerdings nichts geworden: Das Dach der Bürstädter Erich Kästner-Schule hält Jost geradezu für prädestiniert, um darauf eine großflächige Solaranlage bauen. Dass hier immer noch keine Sonnenenergie eingesammelt wird, bedauert er sehr.

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Gerade erst konnte Jost feststellen, wie spannend so eine Zusammenarbeit sein kann. Das „Highlight“ des vergangenen Jahres für ihn war das gemeinsame Photovoltaikprojekt mit der Geschwister-Scholl-Schule in Bensheim. „Initiiert wurde das Vorhaben von engagierten Schülern und Lehrern“, berichtet er. Die Schüler gingen regelmäßig für „Fridays for Future“ auf die Straße. Jetzt haben sie eines ihrer Ziele in die Tat umsetzen können: Inzwischen erzeugt die Solaranlage auf dem Schuldach zu Spitzenzeiten 99 Kilowattstunden Energie.

Ohnehin wünschen sich die Mitglieder der Genossenschaft mehr Tempo bei der Umsetzung solcher Projekte. „Mit Ankündigungen und Absichtserklärungen allein werden wir die Klimakrise nicht aufhalten. Am Schluss hilft nur das, was realisiert wurde, und die Zeit läuft uns davon“, gibt Jost zu bedenken.

Projekt Biogas-Anlage

Viele Menschen im Kreis sehen das wohl genauso, denn die Warteliste für neue Projekte ist lang. Vorrang erhalten sollen immer die Bürger, die in nächster Nachbarschaft wohnen.

Und mit etwas Glück könnten bald wieder die Bürstädter an der Reihe sein. Die ES hat ihren Hut in den Ring geworfen, um auf der neuen Biogas-Anlage ein Solardach zu bauen. Micha Jost drückt fest die Daumen, demnächst soll die Entscheidung fallen. „Wenn wir den Zuschlag kriegen, legen wir sofort los“, kündigt er an.

Redaktion Redakteurin "Südhessen Morgen", Schwerpunkt Bürstadt