Pandemie - Bestatter Markus Kern ärgert sich über uneinsichtiges Verhalten auf dem Friedhof / Deutlich mehr Bestattungen im Januar Diskussionen mit Trauergästen

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Corinna Busalt
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Bestatter Markus Kern strahlt Ruhe aus. Doch gerade ärgert er sich häufig, weil sich Trauergäste nicht an die Regeln halten: wie Abstand und Maske tragen. © Berno Nix

Bürstadt. In Bürstadt sind seit Beginn der Pandemie 17 Menschen an oder mit Corona gestorben. Fast alle in diesem Winter. „Sehr viele sind im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth verstorben. Für mich ist das sehr belastend“, sagt Bürgermeisterin Bärbel Schader. Die Statistik über die Zahl der Verstorbenen in der Stadt spiegelt das nur bedingt wieder. Vergangenes Jahr sind 200 Bürger gestorben, 22 mehr als 2019. Allerdings gab es 2018 auch 195 Tote.

Blick in die Statistik

Im Jahr 2020 sind laut Einwohnermeldeamt 200 Menschen, die in Bürstadt gemeldet waren, verstorben: 99 in Bürstadt, 101 in Krankenhäusern. Im Jahr 2019 meldete Bürstadt 178 Sterbefälle, 2018 waren es 195 und 2017 lediglich 174.

Diesen Januar sind in Bürstadt 24 Bestattungen festgelegt worden. Dem Einwohnermeldeamt lagen im Januar allerdings Meldungen von 13 weiteren Verstorbenen vor, die erst später beigesetzt werden. Im Januar 2020 gab es 16 Beerdigungen, im Jahr zuvor neun.

Im Dezember 2020 sind elf Beerdigungen verzeichnet, im Jahr zuvor acht und 2018 waren es 15. Im November 2020 listet die Statistik im Rathaus Bürstadt 21 Beisetzungen auf, 2019 und 2018 waren es jeweils 15.

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Zu Beginn des neuen Jahrs jedoch verzeichnet das Einwohnermeldeamt deutlich mehr Bestattungen als im Monat Januar zuvor. 24 Menschen wurden beigesetzt, doch dem Rathaus lagen zusätzlich Unterlagen von 13 weiteren Beisetzungen vor, die noch gar nicht terminiert waren. Insgesamt wären es also 37 Beerdigungen – 2020 waren es 16. Das lässt auf einen Zusammenhang mit dem Coronavirus schließen. Markus Kern vom gleichnamigem Bestattungshaus bestätigt das. „Normalerweise wollen Angehörige auch zügig Termine, um auf dem Friedhof Abschied nehmen zu können. Im Moment aber gibt es oft Verzögerungen, weil der Partner dabei sein möchte, aber erkrankt ist.“ Dies beobachtet er viel häufiger als früher. Vielleicht hoffen Angehörige auch, dass bald mehr Menschen teilnehmen dürfen.

Weiterhin persönliche Gespräche

Noch etwas ist anders als sonst: „Nicht alle konnten sich zuvor im Krankenhaus oder Heim verabschieden. Für sie ist das sehr schwer.“ Denn aus Schutzmaßnahmen würden nur wenige Menschen zugelassen. Seine Arbeit als Bestatter dagegen sei trotz Pandemie so ähnlich wie zuvor. Auf Hygiene, Handschuhe und Desinfektion habe er schon immer großen Wert gelegt. Ansteckende Krankheiten gab es auch zuvor schon. Nun ziehe er noch einen Schutzanzug über. Die Gespräche führt er weiterhin persönlich – eben auf Abstand und durch Glas geschützt – in seinen Räumen in Lampertheim oder Bürstadt.

Dort könnten Angehörige auch noch einmal den Verstorbenen sehen – allerdings nicht direkt am Sarg, sondern durch eine Scheibe. „Viele denken, alle Covid-Infizierten müssten feuerbestattet werden, aber es sind ganz normale Erdbestattungen möglich“, sagt Kern. Sollte der Termin aber länger als sieben Tage nach dem Tod liegen, müsse es eine Beisetzung mit Urne geben.

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Zu Diskussionen führe derzeit die Anzahl der Gäste in der Trauerhalle. In Bürstadt sind 20 erlaubt – allerdings abzüglich des Bestatters, Pfarrers oder Redners, Organisten und Friedhofmitarbeiters. „Zum Teil stehen plötzlich weitere Menschen draußen.“ Wenn er auf die Bestimmungen hinweise, reagierten die Leute oft uneinsichtig. Ebenso beim Abstand. „Manche umarmen sich und schütteln Hände oder tragen die Maske unter der Nase“, sagt er verärgert. „Da habe ich keine Worte mehr. Das ist unschön und regelrecht unverschämt. Oft sind es vor allem ältere Leute.“ Um deren Schutz gehe es doch vor allem. Verständnis vermisst Kern auch von Trauergästen, die nicht korrekt Name, Adresse und Telefonnummer angeben. „Da steht dann nur ,Helga’ und mehr nicht.“ Dabei sei er dazu verpflichtet, vollständige Daten zu notieren.

„Ich mache das gerne“

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Kern als Bestatter, zunächst als Aushilfe in der Firma von Wilhelm Herz in Lampertheim. Er übernahm sie und firmierte um. Vor 13 Jahren kam die Filiale in Bürstadt hinzu. Drei Festangestellte und sechs Aushilfen beschäftigt er. „Ich mache das gerne, auch wenn es stressig ist. Natürlich darf man nicht kühl sein. Jeder Tod ist anders“, sagt er nachdenklich. Das beschäftigt ihn oft. Wenn ein Vater sterbe und eine Woche später die Mutter, und die Kinder plötzlich ohne Eltern dastehen. „Schlimm ist es, wenn jemand verschwindet und es keine Leiche gibt. Dann wissen die Leute nicht, ob derjenige noch lebt. Sie können nicht abschließen.“ Darüber macht sich auch Kern seine Gedanken. Gut tut ihm, wenn die Trauernden seine Arbeit wertschätzen. „Kürzlich bedankte sich eine Frau und sagte, wie gut ihr das Gespräch getan habe und dass sie mich am liebsten durch die Scheibe drücken würde.“

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Ganz wichtig findet es Kern, dass in der Familie über den Tod gesprochen wird und klar ist, wie man sich eine Beerdigung vorstellt. „Es ist so viel einfacher für die Angehörigen, wenn sie wissen, ob der Verstorbene eine Feuer- oder Erdbestattung möchte, welche Lieder und Blumen sich jemand wünscht und ob ein Pfarrer oder Redner kommen soll.“ Werde das zuvor nicht geregelt, sei es für die Familie häufig quälend, diese Entscheidungen zu treffen.

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Dass das Coronavirus das Altenheim stark getroffen hat, geht auch Kern nah. Bärbel Schader ist froh, dass St. Elisabeth nun frei von Covid-19 ist. „Wir brauchen einfach Geduld, bis die Impfungen für Entspannung sorgen.“ Diese Perspektive gibt ihr Hoffnung.

Redaktion Redakteurin des Südhessen Morgen und zuständig für die Ausgabe Bürstadt/Biblis