Schriesheim - Der gesuchte Ort in der vergangenen „MM“-Ausgabe ist der frühere Pranger am Historischen Rathaus

Schauriger Schauplatz für Selfies

Von 
Konstantin Groß
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Es ist eine bezaubernde Anekdote, die der 2015 verstorbene Pfälzer Kabarettist Hans-Dieter Willisch viele Jahre lang in seinem Programm hat – deftig zwar, für den hiesigen Humor damit jedoch durchaus charakteristisch. Sie handelt von einem Mann, der im Mittelalter auf einem kurpfälzer Marktplatz zum Schafott geführt wird, aber noch einen Wunsch frei hat. Und der lautet: Er möchte unbedingt wissen, welcher Wochentag gerade ist. „Montag“, antwortet der Henker. Da seufzt der Delinquent: „Na, ja, die Woch‘ fängt ja gut an!“

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Diese Anekdote kommt einem unweigerlich in den Sinn, wenn man auf dem Marktplatz von Schriesheim steht. Denn hier befindet sich der mittelalterliche Pranger, an dem einst schwere Strafen vollzogen wurden, an dem heute jedoch nur noch Ausflügler für lustige Selfies posieren. Viele Leser haben daher erraten, dass es sich bei unserem am Donnerstag abgebildeten Bauwerk um den Schriesheimer Pranger handelt.

Eisenring um den Hals

Der Pranger am Historischen Rathaus von Schriesheim. © Marcus Schwetasch

Martialisch sieht er ja aus, mit dem an einer Kette hängenden Eisenring, der Halsring heißt und damit seine einst düstere Funktion offenbart. Die ebenfalls eingemeißelte Jahreszahl 1540 wiederum erinnert an die Zeit, als Schriesheim Sitz des Zent war, der für diese Form der Bestrafung verantwortlich zeichnete.

Jetzt mag sich mancher fragen: Zent, was ist denn das? Als erstes sagen wir, was es nicht ist: Nichts zu tun hat es mit dem Zehnten, also der mittelalterlichen Steuerabgabe. Die Zenten ohne „h“ waren vielmehr Verwaltungseinheiten, in welche die rechtsrheinische Kurpfalz im späten Mittelalter eingeteilt war. Auf Grund seiner zentralen Lage wurde Schriesheim Sitz eines nach ihm benannten Zents. Er umfasste 25 Orte in einem riesigen Gebiet, das bis weit in den Odenwald hinein reichte und bis ins heutige Mannheim nach Wallstadt, Feudenheim und Sandhofen.

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Der Zent war aber – um wieder auf den Pranger zu kommen – nicht nur Verwaltungseinheit, sondern auch Gerichtsbezirk, Schriesheim daher Sitz des Zentgerichts. Die Verhandlung erfolgte öffentlich auf dem Marktplatz, die Urteilsberatung im angrenzenden Rathaus. Das Gericht bestand aus einem Zentgrafen als dem Vorsitzenden, dem Zentschreiber als Schriftführer, dem Zentbüttel als Bewacher der Gefangenen und einem Dutzend Schöffen aus der Bevölkerung, damals wie heute Laien.

Im Unterschied zu heute urteilten die Schöffen jedoch nicht nur, ob schuldig oder nicht, sondern setzten auch die Strafen fest. Die Todesstrafe allerdings – die daher keineswegs so leichtfertig verhängt wurde, wie wir dies dem Mittelalter gerne unterstellen – bedurfte der Bestätigung durch den Zentgrafen. Dazu zerteilte er über dem Angeklagten demonstrativ einen Stab – daher auch unsere heutige Redewendung „Über jemandem den Stab brechen“. Die Vollstreckung der Todesstrafe gegen Schriesheimer erfolgte zumeist auf einem Hügel Richtung Leutershausen, der noch heute den Gewann-Namen „Galgenbuckel“ trägt.

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Geringere Strafen wurden am Pranger am Rathaus vollzogen. So etwa die Prügelstrafe. In einzelnen Fällen war Schaulustigen danach erlaubt, die gefesselte Person mit Abfällen oder Steinen zu bewerfen oder gar auf sie einzuschlagen. In solchen Situationen musste man erleben, wozu Menschen fähig sind.

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Dennoch: Die körperlichen Leiden waren noch leichter zu ertragen als eine andere Folge. Sie bestand darin, dass man nicht abgeschieden in einem Gefängnis saß, sondern mitten in seinem Dorf zur Schau gestellt wurde. Durch diese öffentliche Schande wurde dem Delinquenten ein normales Weiterleben in der Gemeinschaft vor Ort erschwert oder gar unmöglich gemacht, so dass ihm und seiner Familie oft nur ein Wegzug in eine andere Gemeinde blieb.

Damals entstand unsere heutige Redewendung „An den Pranger stellen“, wenn jemand öffentlich bloßgestellt wird. Die Nationalsozialisten nutzten solche Denunziation auf das Perfideste gegen Juden und Oppositionelle. In unseren Zeiten wird der Begriff auch verwendet, wenn eine Person im Internet verächtlich gemacht wird. Und dieser virtuelle Pranger kann, wie Opfer zu berichten wissen, zuweilen ebenso unerträglich sein wie einstmals der reale.

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