Bistum Speyer - Dass sich ein Bischof eine Auszeit nimmt, kommt hin und wieder vor / Missbrauchsopfer verlässt der Mut Wiesemann ist kein Einzelfall

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Stephan Alfter
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Speyer. Das Bistum Speyer startet mit der Aufarbeitungskommission in eine der schwierigsten Phasen seiner Geschichte und einer fehlt – Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Schenkt man den Beteuerungen von Pressesprecher Markus Herr Glauben, dann wird der Prozess auch ohne den Oberhirten in Gang kommen und nicht zu weiteren Verzögerungen führen. Es gehe bei der siebenköpfigen Kommission nur noch um die Besetzung des letzten Platzes. Ohnehin vermittelt der Sprecher den Eindruck, dass sich Generalvikar Andreas Sturm und Weihbischof Otto Georgens die Arbeit im Bistum ganz gut aufteilen könnten.

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Dass es Wiesemann nicht gut geht, war bereits zu erahnen, als er kürzlich keine Kraft hatte, um dieser Redaktion ein Interview zu den aktuellen Entwicklungen nach den im Dezember bekannt gewordenen Missbrauchsfällen zu geben. Wie sehr er tatsächlich unter den Entwicklungen der vergangenen Wochen leidet, hat er dann der Diözesanversammlung am Samstag berichtet. Er benötige eine zweimonatige Auszeit, um wieder Kraft zu schöpfen.

Hasskommentare im Netz

Die Reaktionen darauf fielen sehr unterschiedlich aus: Von Hass-Kommentaren in den sozialen Netzwerken bis zu ernsthaften Genesungswünschen an die Bistumsadresse war alles dabei. Er solle seine Ministranten gleich mit in die Auszeit nehmen, äußerte jemand bösartig und spielte auf die bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs im Kinderheim Engelsgasse im Bistum Speyer an. Umgekehrt äußerten sich vor allem die im Diözesanrat vertreten Gläubigen derart, dass sie es als wohltuend empfinden, dass ein Bischof sagt: Schaut mal her, ich bin auch nur ein Mensch.

Dass sich ein hoher Würdenträger eine Auszeit nehmen muss, ist indessen gar nicht so selten. So fiel der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode im Jahr 2018 krankheitsbedingt länger aus. Der heute 69-Jährige musste sich damals einer Bandscheibenoperation unterziehen. Für das Bistum hatte das keine gravierenden Folgen. Auch er wurde damals von seinem Weihbischof und dem Generalvikar vertreten.

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Selbst Papst Franziskus musste in den vergangenen Wochen immer wieder Termine absagen – zuletzt eine Sonntagsmesse im Petersdom. Der Grund: Ein Hüftleiden, das sich durch Schmerzen im Ischias-Nerv bemerkbar macht. In Mannheim hatte sich Dekan Karl Jung vor einigen Jahren mal ein Sabbatjahr gegönnt.

Trotz aller Zurückgezogenheit wird Wiesemann auch in den kommenden zwei Monaten Bischof sein und das Bistum leiten. Über ganz wichtige Fragen sei er mit seinen Vertretern im Austausch, so Pressesprecher Herr. Unterdessen hat sich am Wochenende ein 60-jähriges Opfer sexuellen Missbrauchs beim Verfasser dieses Textes gemeldet. Er wolle seine Geschichte einem Journalisten erzählen. Am Montag verließ den Mann dann der Mut. Er habe derzeit – wie Wiesemann – keine Kraft, das aufzuarbeiten.

Redaktion Reporter in der Metropolregion Rhein-Neckar