Hochwasser - Spaziergänger und Hundehalter treiben Rehe und Wildschweine in Flüsse und Wohngebiete Tierretter befürchtet weitere Todesfälle bei Wild

Von 
Sophia Gehr
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Die Feuerwehr Altlußheim hat vergangenen Mittwoch ein völlig erschöpftes und unterkühltes Reh mit einem Mehrzweckboot aus dem Rhein gezogen. © René Priebe

Rhein-Neckar. Das Hochwasser in der Metropolregion Rhein-Neckar hat einige Wildtiere in den Tod gerissen. „Ich will nicht wissen, wie viele Tiere in den nächsten Tagen noch tot aus dem Wasser gezogen werden“, sagt Michael Sehr von der Berufstierrettung Rhein-Neckar im Gespräch mit dieser Redaktion. Die Feuerwehr sowie die Polizei rückten in den vergangenen Tagen zu einigen Einsätzen aus. So kämpften etwa Rehe in Mannheim-Rheinau und in Altlußheim gegen die Hochwasserströmung. Doch Tierretter Sehr blieb bei all diesen Vorfällen außen vor. „Die Feuerwehr hat uns nicht hinzugezogen, obwohl wir zuständig sind“, berichtet er.

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Die Berufstierrettung ist unter anderem für die Versorgung der Tiere nach einem solchen Einsatz zuständig. Sehr nennt einen konkreten Fall: Nachdem ein Reh vergangene Woche aus dem Rhein gerettet worden war, hatten es die Einsatzkräfte in Seitenlage in einen Pkw gelegt. „Ein Reh muss aber in Bauchlage liegen“, so Sehr. „Und es sollte besser in einer Box etwa eine halbe Stunde zur Ruhe kommen.“ So könnte das verängstigte Tier Außenreize besser ausblenden. „Aber das können Feuerwehr und Polizei nicht wissen“, fügt der Profi-Tierretter hinzu. Warum er zu den vergangenen Einsätzen nicht hinzugezogen wurde, erklärt Sehr damit, dass unter den Helfern „Kompetenzgerangel“ herrsche.

Wird ein Tier in Not gemeldet, macht sich zunächst der Streifendienst vor Ort ein Bild von der Situation. „Wenn unser Rettungsmaterial nicht mehr ausreicht oder ein Tier verletzt ist, dann werden auch die Feuerwehr und die Tierrettung alarmiert“, sagt ein Sprecher der Polizei Mannheim auf Anfrage.

Rehe flüchten „blindlings“

Das bestätigt auch die Wasserschutzpolizei Mannheim. „Kleintiere, die im Wasser zu ertrinken drohen, können wir selbst an Board holen“, so ein Sprecher. Wildschweine oder Rehe seien dafür aber zu schwer. „Wir versuchen dann, die Wildtiere mit einem Seil in Richtung Ufer zu ziehen, wo sie von der Tierrettung in Empfang genommen werden.“

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Michael Sehr fährt derzeit in Mannheim am Rhein immer wieder Patrouille. Nur vom Deich und den abgesperrten Bereichen hält er sich fern: „Rehe und Wildschweine sind Fluchttiere“, sagt er. „Wenn sie sich in der Nähe des Hochwassers aufhalten und einen Menschen sehen, flüchten sie blindlings – und mitunter direkt ins Wasser.“ Damit werden Spaziergänger, Radfahrer und Hundehalter am Hochwasser zur potenziellen Gefahr. Sie könnten Wildtiere direkt in den Tod treiben.

Ein Video von Passanten in Lampertheim, das dieser Redaktion vorliegt, zeigt eine Horde Wildschweine, die nach der Überquerung des Damms versucht, über einen Zaun ins sichere Dickicht zu gelangen. „Die Tiere rennen panisch immer wieder gegen den Zaun, weil sie sich bedroht fühlen“, so Sehr. „Hier ist Stehenbleiben und Filmen dann genau das falsche Verhalten.“ Eine frühzeitige Sperrung der Wege zum Rhein und zum Neckar sowie stärkere Kontrollen der abgesperrten Bereiche würden die Wildtiere vor Hochwasser-Touristen schützen, findet Tierretter Sehr.

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Auch wenn an den Flüssen in Baden-Württemberg laut Hochwasser-Vorhersage-Zentrale derzeit keine überregionale Hochwassergefahr mehr besteht, bleibt der Boden für die Tiere im Wald vorerst unbrauchbar. „Sie werden dort erstmal nichts zu fressen finden“, sagt Sehr. „Es dauert, bis sich die Tiere vom Hochwasser erholen.“ Georg Spang, Revierleiter des Stadtwalds Schifferstadt, schätzt die Lage der Wildtiere nicht ganz so ernst ein: „Rehe und Wildschweine sind gute Schwimmer und sie sind Hochwasser gewöhnt.“ Gefährdet seien eher die Jungtiere, die einer solchen Situation noch nicht ausgesetzt waren.

Schwein attackiert Passantin

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„Die meisten Tiere wissen, wo es für sie sicher ist und bleiben in den höheren Lagen im Wald“, so Spang. Doch wenn der Lebensraum nicht mehr frei zugänglich ist, könne die Lage durchaus angespannt sein. „Dann kann es auch passieren, dass ein Reh oder Wildschwein durch Spaziergänger oder frei laufende Hunde ins Hochwasser oder auch in ein Wohngebiet gejagt wird.“

Am Sonntagabend ist eine 43-jährige Fußgängerin von einem Wildschwein in der Gaisbergstraße in Heidelberg attackiert worden. Das Tier kam laut Polizei unvermittelt aus einer dortigen Einfahrt auf die Frau zugestürmt und rannte sie regelrecht um. „Wildschweine können sehr aggressiv werden“, sagt Sehr. Er empfiehlt: Langsam rückwärts gehen und die Polizei verständigen.

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