Odenwald - Seit mehr als einem Jahr demonstrieren Anwohner in Wald-Michelbach wöchentlich gegen neue Anlagen Protest-Sturm gegen Windkraft

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I. Schaible, J. Giertz, C. Bosch
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Windkraftgegner laufen bei einem durch den Verein „Vernunftkraft Odenwald“ organisierten Protestmarsch mit Transparenten durch Wald-Michelbach. © dpa

Wald-Michelbach. Matthias Vercrüsse ist vor rund drei Jahren in den Odenwald gezogen, um näher bei Tochter und Enkeln zu sein. Als der Leipziger zum ersten Mal aus seiner Wohnung auf den rund 570 Meter hohen Stillfüssel sah, dachte er: „So was Schönes gibt es nicht noch mal.“ Jetzt stehen dort fünf Windräder. „Es ist aber nicht bloß der Blick“, begründet der Rentner seine Ablehnung. „Es ist die Verschwendung der Natur. Leute können die Wanderwege nicht mehr benutzen.“ Mit seiner Bürgerinitiative demonstriert Vercrüsse seit mehr als einem Jahr jeden Donnerstagabend in Wald-Michelbach (Kreis Bergstraße) gegen die Windkraft im Odenwald.

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Die Kritikpunkte sind zahlreich: „Die Windräder stehen sehr oft still, weil kein Wind ist“, sagt Michael Karb aus Mossautal. Und wenn sie sich drehen, können viele nicht gut schlafen: „Es ist wie ein Flugzeug, das nicht mehr aufhört“, sagt Demonstrantin Angelika Grimm-Eckardt. Einige hundert Menschen haben sich wegen des nächtlichen Lärms bei Bürgermeister Sascha Weber in Wald-Michelbach gemeldet, wie der Sozialdemokrat berichtet.

Die Windräder drehten sich zudem im Lebensraum des auf der Roten Liste als gefährdet eingestuften Schwarzstorchs. Die mit Getriebeöl, Frostschutz und Hydrauliköl ausgestatteten Anlagen stünden überdies in einem Trinkwasserschutzgebiet.

Udo Bergfeld, der seit rund 30 Jahren im hessischen Odenwald lebt, kritisiert: „Um CO2 zu minimieren, kann man doch keine Wälder abschlachten.“ Der Windkraftgegner sieht zudem eine riesige Brandgefahr der Anlagen – in einer Gegend, in der es nur freiwillige Feuerwehren gebe. Dazu komme der für den Menschen nicht hörbare Infraschall, der einigen Studien zufolge die Gesundheit gefährden könne.

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Am Anfang seien rund 200 Menschen zu den wöchentlichen Demonstrationen gekommen, der harte Kern bestehe noch immer aus 50 bis 80 Menschen, sagt Vercrüsse. Auch aus dem benachbarten Baden-Württemberg schlössen sich immer wieder Menschen an.

Stimmung oft aufgeheizt

Brennpunkte des Protestes gegen Windkraftanlagen im Südwesten sind jedoch die Schwäbische Alb und der Schwarzwald. Im südlichen Odenwald herrsche derzeit beim Bau neuer Anlagen eher Stillstand, weil die Genehmigungsverfahren unsicher seien, sagt Konfliktmanager Christoph Ewen. Er arbeitet für das vom Land eingesetzte Forum Energiedialog, vermittelt zwischen Gemeinderäten, Bürgerinitiativen und Projektträgern. Die Stimmung sei oft sehr aufgeheizt, berichtet er.

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Mehr als zehn Meter breite Schneisen würden für ein Windrad in den Wald geschlagen, kritisiert Karb während einer Donnerstags-Demo in Wald-Michelbach. „Es werden Rampen gebaut wie beim Pyramidenbau.“ Das Wirtschaftsministerium hält in einem Flyer dagegen: „Für ein Windrad im Wald müssen im Schnitt 0,3 Hektar gerodet werden.“ Und: „Dafür werden immer Ausgleichsflächen, also neuer Wald, an anderer Stelle geschaffen.“

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Landrat Christian Engelhardt (CDU) sieht den Beitrag seines Kreises Bergstraße zur Energiewende mit 15 Anlagen als erfüllt an. Um den Landschaftsraum zu erhalten, habe die Region zudem mit ihren Nachbarn den Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald gegründet – seit 2015 unter dem Dach der Unesco.

Im benachbarten Odenwaldkreis stehen 14 Windräder, zwei weitere sind im Bau. Da die Bergsträßer Windräder an der Kreisgrenze stünden, hätten viele das Gefühl, es seien schon 30, sagt Landrat Frank Matiaske. „Sie fühlen sich von allen Richtungen umzingelt.“ Dies gelte auch für den Höhenzug an der Landesgrenze zu Bayern. Sozialdemokrat Matiaske sorgt sich dabei vor allem um die Spaltung der Gesellschaft im ländlichen Raum. Das Wutbürgertum sei an den Windrädern entbrannt, weil diese von außen aufgestülpt würden, ohne jede regionale Wertschöpfung – und ohne eine Chance, vor Ort Einfluss zu nehmen.

Die Bewohner des Odenwalds wehren sich deshalb auch juristisch gegen die Windkraft. Allein beim Verwaltungsgericht Darmstadt sind derzeit 14 Klage- und ein Eilverfahren anhängig. „Leider denken alle Menschen, dass man mit Windrädern die Natur und das Klima rettet. Das ist aber nicht der Fall“, sagt Demonstrantin Vera Krug. „Wir versuchen, den Odenwald zu retten und stecken unsere Taschen nicht voll, wie die, die hier aus Gier handeln.“ Mehr als 150 000 Euro hätten die Anwohner bislang gesammelt und ausgegeben, für Gutachten und Gerichtskosten.

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