Pandemie - Wie die deutsch-französische Gemeinde Scheibenhard(t) die Corona-Krise erlebt Plötzlich geteilt – ein Dorf an der Grenze

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Till Börner
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Der Scheibenhardter Bürgermeister Edwin Diesel an der jetzt geschlossenen Grenze. © Till Börner

Scheibenhardt/Südpfalz. Es hätte eine rauschende Feier werden sollen. Musik auf zwei verschiedenen Bühnen, regionale Köstlichkeiten vom Grill und aus dem Ofen, Händler, die ihre Handwerkskunst anbieten. Das Brückenfest am ersten Juniwochenende sollte der diesjährige Höhepunkt im Veranstaltungskalender der beiden Orte Scheibenhardt und Scheibenhard werden. Das gut 600-Seelen-Dorf Scheibenhardt (Landkreis Germersheim) liegt am südlichsten Zipfel der Pfalz an der Lauter. Auf der anderen Seite des Flusses befindet sich das französische Scheibenhard, das rund 200 Einwohner mehr hat. Eine Brücke verbindet die beiden Ortschaften miteinander. Fußgänger, Pendler, Radfahrer nutzen sie in normalen Zeiten täglich. „Die Grenze existiert eigentlich nicht“, sagt der deutsche Bürgermeister Edwin Diesel.

Wer darf einreisen?

  • Um die Corona-Pandemie einzudämmen, ist der Grenzverkehr in Europa eingeschränkt. Die Bundespolizei kontrolliert die Einreise.
  • Zwischen Rheinland-Pfalz und der französischen Region Grand Est sind nur die Übergänge Bienwald, Schweigen und Hornbach geöffnet. Seit Dienstag ist die Grenze auch in Neulauterburg zwischen 4 und 9 Uhr sowie zwischen 15 und 20 Uhr passierbar.
  • Wer in Deutschland arbeitet, wohnt oder Güter transportiert, darf einreisen. Abgewiesen wird, wer klassischen Freizeitaktivitäten nachgehen will.
  • Ausnahmen gelten laut Bundespolizei für pflegende Angehörige oder Menschen, die in Deutschland Krankenbesuche machen. Auch Ehepartner und eingetragene Lebenspartner dürfen besucht werden.
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Seit dem 11. März, als das Robert-Koch-Institut die französische Region Grand Est zum Corona-Risikogebiet erklärt hat, ist die Brücke dicht. Sperrbänder, eine weiß-rote Kette und eine Baustellenschranke hindern Autos und theoretisch auch Spaziergänger am Überqueren. Mehrmals am Tag fährt die Bundespolizei Streife. Denn wer die Hindernisse überwindet, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Erstmals seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens im März 1995 ist die Grenze zwischen den fast namensgleichen Dörfern wieder real. Die bis dato obligatorischen Schlagbäume stehen zwar noch immer – aber nur, um an die Vergangenheit zu erinnern.

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Brückenfest fällt ins Wasser

Dass die Brücke zwischen Scheibenhardt und Scheibenhard geschlossen ist, trifft beide Ortschaften hart. „Wir wollten am 6. und 7. Juni mit dem 25. Brückenfest ein Jubiläum feiern“, erzählt Ortsbürgermeister Diesel. Vereine aus beiden Dörfern hatten die Planung bereits weit vorangetrieben. Die völkerverbindende Feier auf beiden Seiten der Lauter fällt aus – in Coronazeiten sind Veranstaltungen dieser Größe tabu. „Besonders für alle beteiligten Vereine ist das hart. Die generieren über das Fest ihre Haupteinnahmen“, so Diesel. Auch ein deutsch-französischer Seniorennachmittag, auf den sich die Teilnehmer diesseits und jenseits der Brücke gefreut hatten, musste schon gestrichen werden. Aufgrund der Pandemie herrscht weitgehend Ruhe in beiden Dörfern. In Frankreich gilt eine strikte Ausgangssperre. Steht man am roten Absperrband und wirft einen Blick über die Grenze, ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Auch auf deutscher Seite sieht es kaum anders aus. Eine Konditorei, die sich nur wenige Meter von der Brücke entfernt befindet, ist dunkel. Ein Zettel informiert die Kunden, dass der Laden geschlossen bleibt, „bis sich die Situation verbessert“. Der Inhaber sei ein Franzose, der im Elsass produziere und in Deutschland drei Filialen besitze, so der Bürgermeister. „Alle drei sind derzeit geschlossen, weil er ausschließlich französische Mitarbeiterinnen hat und es Probleme mit der Warenlieferung gibt.“

Viele Scheibenhardter sowie Bewohner umliegender Orte fahren für eine kurze Einkaufstour über die Brücke. „Man schätzt die großen Fischtheken, den guten Käse sowie günstigen Wein in den französischen Supermärkten“, erzählt Diesel. Aber auch Franzosen kaufen gerne in den deutschen Discountern ein, die sich nur wenige Kilometer hinter der Grenze befinden. Im Schatten der hochgeklappten Schlagbäume weist eine Infotafel auf den „Pamina Radweg Lautertal“ hin, der auf rund 58 Kilometern links und rechts des Flusses durch das Biosphärenreservat Naturpark Pfälzer Wald / Nordvogesen führt. „Eine schöne Route, die besonders von Familien gerne genutzt wird. Momentan ist der Weg aber nicht befahrbar, weil er immer wieder die Grenze quert“, erzählt Diesel, selbst ein begeisterter Radfahrer.

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Für Vera Köhler ist Frankreich so nah wie für sonst niemanden – und gleichzeitig doch unerreichbar. Zusammen mit ihrem Mann wohnt Köhler im ehemaligen Scheibenhardter Zollgebäude. Verlässt sie die Haustür und läuft zehn Meter nach links, würde sie auf der Brücke stehen. „Natürlich ist es schade, dass das gerade nicht geht. Wir haben viele Bekannte in Scheibenhard und unser Enkelkind lebt in Frankreich“, sagt Köhler. „Aber die Gesundheit geht natürlich vor. Wir halten uns an die Regeln.“ Den einzigen Vorteil, den sie in der Corona–Krise sieht, ist die Ruhe. Normalerweise fahren täglich tausende Franzosen über die Brücke nach Deutschland zur Arbeit – und abends wieder zurück.

Hoffen auf den 11. Mai

Viele Pendler weichen nun auf den nahen Grenzübergang Bienwald aus. „Pkw und Busse werden kontrolliert, Lkw normalerweise nicht“, erklärt Patrick Lankeit von der Bundespolizei. Wer eine entsprechende Arbeitserlaubnis vorzeigt oder auf der Durchreise in ein anderes EU-Land ist, kann die Grenze passieren. „Länger als 15 Minuten muss auch in der Hauptstoßzeit kein Einreisender warten“, so Lankeit.

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Edwin Diesel hofft, dass im Rahmen der schrittweisen Lockerungen der französischen Ausgangsbeschränkung ab dem 11. Mai auch die Grenze wieder geöffnet wird. „An der engen Beziehung zwischen den beiden Orten wird sich trotz Sperrung nichts ändern“, sagt der Bürgermeister, „das sehen die Kommunalpolitiker in Scheibenhard genauso“.

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