Gerd Knecht: "Ehrlich gesagt, sind wir die Sündenböcke der Nation"

Von 
Simone Jakob
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Rhein-Neckar. Wegen der Corona-Pandemie fehlen den Landwirten in der Region ausländische Saisonkräfte. Ein Teil der Spargelernte bleibt deshalb auf dem Acker. Die aktuelle Trockenheit zwingt die Bauern zudem zur zeit- und kostenintensiven Bewässerung. Obendrein ist das Ansehen der Landwirte in der Gesellschaft nicht gerade besonders gut. „Egal ob Insektensterben oder Nitrat im Grundwasser, wir Landwirte sind an allem schuld“, so Gerd Knecht aus dem südhessischen Lampertheim. Und obwohl die Verbraucher allerlei von der Landwirtschaft verlangen, seien sie kaum bereit, für umweltgerecht erzeugte Lebensmittel mehr zu bezahlen. Im Interview mit dieser Redaktion spricht der Gemüse- und Getreideerzeuger aus Lampertheim über die neuen Leiden eines uralten Berufstandes.

Landwirt Gerd Knecht kann seine Wintergerste vergessen. Die Trockenheit der vergangenen Wochen haben ihr arg zugesetzt. © Berno Nix
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Herr Knecht, was bedeutet der Mangel an Erntehelfern konkret für ihren Betrieb?

Gerd Knecht

  • Gerd Knecht ist Vorsitzender des Ortsbauernverbandes im südhessischen Lampertheim.
  • Sein Betrieb baut unter anderem Spargel, Erbsen, Stangenbohnen, Zuckerrüben, Kartoffeln, bunte Salate und Getreide an. Seit 20 Jahren erzeugt er Möhren für Babynahrung.
  • In der Biedensandstraße 42 betreibt er einen Hofladen mit Erzeugnissen aus dem eigenen Betrieb. Außerdem hat er einen Stand auf dem Bauernmarkt im Viernheimer Rhein-Neckar-Zentrum.
  • Üblicherweise beschäftigt er zwölf Erntehelfer, derzeit sind es acht. sin

 

Gerd Knecht: Wir müssen irgendwie sehen, wie wir rumkommen. Einen Teil des Spargels haben wir schon rauswachsen lassen, weil wir ihn ohnehin nicht ernten können. Normalerweise arbeiten zwölf Saisonkräfte in meinem Betrieb, derzeit sind acht da. Es sollen aber noch ein paar kommen, was sehr wichtig wäre, denn spätestens nächste Woche ist unser ungespritzt angebauter Blattsalat erntereif. Ansonsten dauert mein Arbeitstag gerade von sechs Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Allein die Rund-um-die-Uhr-Beregnung kostet uns sehr viel Zeit, weil wir ständig hin und herfahren, um die Beregnung umzustellen.

Die Trockenheit bereitet Ihnen also Sorgen?

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Knecht: Allerdings. Im Moment beregnen wir sogar das Getreide, das tun wir normalerweise nicht um diese Jahreszeit. Allein der staubtrockene April wird den Ertrag in diesem Jahr mindern. Außerdem kostet uns die Beregnung viel Geld: in der Ringleitung müssen wir jeden Kubikmeter Wasser bezahlen und an den Brunnen fallen Dieselkosten für die Pumpen an. Ich hoffe, dass es mal zwei oder drei Tage ordentlich durchregnet. Aber das mit dem Wunschwetter bestellen, klappt hier in Südhessen nicht so richtig.“

Starkregen steht aber nicht auf ihrem Wunschzettel oder?

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Knecht: Da unsere Felder in der Ebene liegen, haben wir nicht so große Probleme mit dem Wegschwemmen von Erde. Nur wenn es zu viel und zu heftig regnet, können die Äcker verschlammen. Aber im Moment bin ich schon froh, wenn überhaupt mal was vom Himmel kommt.

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Fühlen Sie sich als Landwirt von der Gesellschaft anerkannt?

Knecht: Ehrlich gesagt, sind wir die Sündenböcke der Nation. Egal ob Insektensterben oder Nitratbelastung im Grundwasser, die Bauern sind schuld. Fahren Sie jetzt mal über die Autobahn, da ist ihre Windschutzscheibe so mit Insekten übersät wie schon lange nicht mehr. Und die Landwirtschaft macht nichts anderes wie vor der Corona-Krise - aber die Industrie steht still und es sind so gut wie keine Flieger am Himmel. Vielleicht wäre es lohnend, mehr Ursachenforschung zu betreiben, statt alles pauschal den Bauern in die Schuhe zu schieben. Oder nehmen Sie mal das Nitrat im Grundwasser. Es wurde das Wasser von vielen Brunnen untersucht, aber hier im Bereich Lampertheim hat man nur die belasteten veröffentlicht, die anderen nicht. Ein Brunnen lag direkt neben dem Bahnübergang, wo lange Zeit das Plumpsklo des Schrankenwärters stand, der andere war in der Nähe des Hundeplatzes, der früher eine Mülldeponie war. Ich streite gar nicht ab, dass es auch Grundwasserbelastungen durch die Landwirtschaft gibt, aber eben nicht nur.

Hat es in Sachen Düngung denn ein Umdenken gegeben?

Knecht: Viele Gemüseerzeuger hier bei uns in Lampertheim haben vor etwa 20 Jahren angefangen, Möhren für Babynahrung anzubauen. Dabei haben wir gemerkt, dass man mit der Hälfte der staatlichen Stickstoff-Empfehlung auskommt. Deshalb haben wir natürlich weniger gedüngt, niemand gibt gerne mehr Geld aus als nötig. Das war ein Lernprozess. Bei Zuckerrüben lag die staatliche Empfehlung früher bei 250 Kilogramm pro Hektar, heute sind wir bei 80 und 100 Kilo pro Hektar.

Welche Rolle spielt der Lebensmitteleinzelhandel in ihren Alltag?

Knecht: Unsere Produkte wachsen nicht im Labor, aber wenn nur ein kleiner Makel daran ist, nimmt es der Handel nicht ab. Blattläuse am Salat zum Beispiel - obwohl die nebenbei gesagt dafür sprechen, dass er nicht gespritzt worden ist - gehen gar nicht. Natürlich argumentiert der Handel damit, dass die Verbraucher das so wollen.

Haben Sie eine Lösung?

Knecht: Wenn jeder mehr darauf achten würde, was in einem Lebensmittel an Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen enthalten ist und weniger nach dem Aussehen einkaufen würde, wäre schon viel gewonnen. Ein schrumpeliger Apfel enthält neben den Vitaminen so viele sekundäre Pflanzenstoffe, die kann man nicht mit Nahrungsergänzungsmitteln ersetzen.“

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