Ernste Spätfolgen bei Trauernden durch soziale Distanz befürchtet

Von 
Heike Dürr
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Trauer unter Pandemiebedingungen: Ein Hinweisschild für den Umgang bei Beerdigungen steht in einem Bestattungsinstitut vor mehreren Särgen. Bild: dpa © dpa

Rhein-Neckar. Soziale Distanz ist für viele nur schwer zu ertragen. Trauernde trifft es besonders, sie müssen sogar mit ernst zu nehmenden Spätfolgen rechnen. Denn der Trauerprozess hängt stark von der Art des Abschiedes sowie der persönlichen Begleitung ab.

  • Den Bundesverband Trauerbegleitung gibt es seit 2010. Sitz ist in Mannheim, die Geschäftsstelle in Klingenmünster.
  • Seit 2016 ist die Mannheimerin Marianne Bevier Geschäftsführender Vorstand. Gegründet wurde der Verband zur standardisierten Ausbildung von Trauerbegleitern.
  • Inzwischen vertritt er die Interessen von etwa 400 Trauerbegleiter bundesweit und sieht sich als Interessenvertretung und Sprachrohr für trauernde Menschen.
  • Link zur Petition: www.openpetition.de/petition/online/trauer-ist-systemrelevant-
  • Marianne Bevier verfasste mit ihrem Mann Christoph das Buch „Selig sind die Trauernden – Trauer in der Seelsorge“ aus der Edition Leidfaden. Das Buch kostet 17 Euro, ISBN-13: 978-3525406908.
  • Mehr Infos unter: www.bv-trauerbegleitung.de.
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Der Bundesverband Trauerbegleitung fordert daher in einer bundesweiten Petition: „Trauerbegleitung und Trauerberatung sind in der Pandemiesituation systemrelevant und müssen offiziell anerkannt und benannt werden.“ Ziel sei es, professionelle Trauerbegleitung vor allem in pflegerischen Einrichtungen auch im Lockdown zu ermöglichen. Mindestens 50 000 Unterschriften will der Verband sammeln, bis zum Wochenende konnten bereits mehr als 2500 Unterstützer gewonnen werden.
Adressaten des offenen Briefes sind die Spitzen der Bundes- und Gesundheitspolitik, aber auch Vertreter der Krankenkassen und Glaubensgemeinschaften. Die Theologin und Pastoralpsychologin Marianne Bevier ist Vorstand des Verbandes und Ausbilderin für Seelsorge und Trauerbegleitung. Hauptberuflich leistet sie als Supervisorin in vielen Teams im psychosozialen Bereich und in der Telefonseelsorge selbst konkrete Trauerarbeit. Sie erkennt deutliche Unterschiede zum ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr: „Damals gab es viele Ideen und neue Formate. Doch nun reicht die Kraft nicht mehr.“ Sie beobachtet darüber hinaus einen Verlust der Trauerkultur. „Statt Trauerfeiern gibt es oft nur eine Beerdigung am Grab.“ Auch die Unterstützung durch Familie, Freunde oder Nachbarn fällt weg. Niemand kann Kuchen oder Blumen vor beibringen oder einfach so vorbeikommen, Trauernde selbst können nicht auf andere zugehen. „Das macht diese Ausnahmesituation noch schwerer, denn in der Trauer ist man aufeinander angewiesen.“

Unsicherheit bei Bestattern
Doch nicht nur trauernde Hinterbliebene leiden, auch Trauergäste stehen aufgrund der Hygienemaßnahmen vor der schwierigen Entscheidung: Geht man zu einer Beerdigung oder nicht? Zwar existieren klare Regeln, doch offenbar herrscht viel Unsicherheit selbst bei Bestattern. „Mehr Information würde hier für mehr Sicherheit sorgen.“ Wichtig ist dem Verband zu vermitteln, dass Trauer nahezu alle Bereiche des Lebens betreffen kann: Man kann um den verlorenen Arbeitsplatz, verpasste gemeinsame Erlebnisse oder verlorene Lebenschancen durch schwere Krankheiten trauern.

Essenziell für alle Trauernde ist das Durchleben aller Trauerphasen. Auch das ist ohne persönliche Kontakte nur schwer möglich: „Derzeit hört man viele Durchhalteparolen. Man muss aber auch über Verluste klagen dürfen.“ Ist das nicht möglich oder können Abschiede nicht stattfinden, drohen den Betroffenen dramatische Folgen. Sie reichen von Scham und Schuldgefühlen über Ängsten bis hin zu Suizidgedanken. „Wir rechnen hier ganz klar mit schweren Trauerverläufen“, so Bevier. Durch ihre seelsorgerische Arbeit weiß sie von den Sorgen der Menschen: „Manchmal ist es wichtig, einfach nur da zu sein.“

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Pflegeheimbewohner leiden unter Besuchsverbot
Das können auch Ute Ritzhaupt und Silke Kübler, Koordinatorinnen und Leiterinnen des ökumenischen Hospizdienstes Südliche Bergstraße, bestätigen. Beide sind ausgebildete Hospiz- und Palliative Care-Fachkräfte und Trauerbegleiterinnen, die Angebote der Einrichtung sind kostenfrei. „Wir begleiten Betroffene und ihre Familien im Sterbeprozesses aber auch nach dem Tod eines nahen Angehörigen.“

Sie berichten von Bewohner in Pflegeeinrichtungen, die enorm unter den Besuchsverboten leiden und jeden Lebensmut verlieren. Und von Angehörigen, die den vielleicht letzten Geburtstag ihrer Liebsten nicht mit ihnen feiern können. „Das alles löst große Emotionen bei allen Beteiligten aus, auch bei der Pflege.“ In engem Austausch mit den von ihnen betreuten Pflegeeinrichtungen versuchen sie, diese Folgen der Isolation zu mildern. „Die Regelungen werden von Haus zu Haus unterschiedlich umgesetzt, aber alle unterstützen uns in unserem Bestreben, möglichst oft vor Ort sein zu können.“ Hospizbegleiter des Vereins mit medizinischem Hintergrund unterstützen Pflegeeinrichtungen bei den der Schnelltestung.

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Besonders bedauern Ritzhaupt und Kübler, die ersatzlose Streichung ihres Trauercafés in Wiesloch während des Lockdowns. Dort können sich sonst Hinterbliebene auch noch Jahre nach dem Tod eines Angehörigen austauschen. Das ist wichtig, denn oft fehlt dem Umfeld das Verständnis für die anhaltende Trauer. „Im Trauercafé muss sich niemand für seine Gefühle rechtfertigen. Gleichgesinnte wissen, was es bedeutet, keine Kraft zum Aufstehen zu haben oder die Fassade aufrecht zu erhalten.“ Die beiden bieten als Ersatz Einzelgespräche mit Abstand und Maske oder gemeinsame Spaziergänge an oder schicken den Trauernden in regelmäßigen Abständen kleine Kärtchen mit aufmunternden Worten. Und sie planen eine monatliche Veranstaltung mit Texten und Ritualen aus dem Trauercafé. Denn beide befürchten, dass das Trauercafé vermutlich in nächster Zeit nicht mehr möglich sein wird.
Die Petition des Bundesverbandes Trauerbegleitung unterstützen sie mit der Hoffnung auf eine klare gesetzliche Regelung zum Einlass von Trauerbegleitern in Pflegeeinrichtungen während des Lockdowns. „Auch bei den Impfungen wurden wir bisher nicht berücksichtigt“. Was ihnen besonders wichtig ist: „Wir sehen es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wie man mit Menschen umgeht - egal, ob es Kinder, Trauernde oder Menschen in Pflegeeinrichtungen sind.“

Freie Autorenschaft Schwerpunkt: Portraits

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