Wirtschaft - Flusskreuzfahrten in Deutschland erleben einen Boom, aber die Städte in der Region profitieren nur wenig davon Der satte Tourist

Von 
Miray Caliskan
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Ein Schiff legt an der Rhein-Galerie in Ludwigshafen an. © Keiper

Rhein-Neckar. Die Deutschen treibt es aufs Wasser – und nicht nur auf die Meere. Sondern zunehmend auch auf Rhein, Donau und Co. „Allein im vergangenen Jahr waren fast 500 000 Gäste aus Deutschland auf Flusskreuzfahrten unterwegs – ein Plus von fünf Prozent gegenüber 2017“, sagt Kerstin Heinen, Sprecherin des Deutschen Reiseverbandes (DRV). Während 2017 ein Umsatz von 501 Millionen Euro gemacht wurde, stieg er ein Jahr später auf 591 Millionen.

Regionale Angebote

  • Der Deutsche Reiseverband (DRV) sieht bei der Flusskreuzfahrt einen Trend zu Spezialisierung, zum Beispiel auf Familien mit Kind.
  • Bernd Leitner von Tourist Information Worms sagt, dass die „Region“ in den Fokus rücke. Unternehmen würden Ausflüge anbieten wollen, wo man ganze Ortschaften kennenlernt (zum Beispiel die Metropolregion) und nicht nur die Gegend unweit der Anlegestelle. Auch die Kundschaft werde jünger
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Im Südwesten der Republik gibt es angesichts dieser Zuwächse allerdings einen Stillstand. Obwohl die Städte Worms, Speyer, Heidelberg und Ludwigshafen an Rhein und Neckar liegen, scheint die Flusskreuzfahrtbranche nicht aufblühen zu wollen. Der Grund: die geringe Wertschöpfung für die Städte selbst. „Derzeit bewegt sich diese im Cent-Bereich je Passagier“, erklärt Franz Josef Reindl, Geschäftsführer der Hafenbetriebe Rheinland-Pfalz GmbH.

Neue Anlegestelle geplant

Zahlen zum deutschen Reisemarkt machen jedoch deutlich: Neben den bereits populären Hochseekreuzfahrten auf den Weltmeeren rücken Flusskreuzfahrten immer mehr in den Fokus der deutschen Reisenden. Das war nicht immer so. Vor einigen Jahren hatte die Branche ein regelrechtes Imageproblem. Die Passagierzahlen gingen stetig zurück. Niedrigwasser und Reedereien, die Millionen in neue Schiffe investierten und Konzepte für „Erlebnistourismus auf hoher See“ ausarbeiteten, machten dem Sektor nur noch mehr zu schaffen.

Nun das Comeback. In der Metropolregion gibt es keinen speziellen Plan für die Flusskreuzfahrt. Aber Anlegestellen allemal: jeweils eine in Ludwigshafen, Heidelberg und Worms und vier in Speyer. „In Worms wird derzeit eine Anlegestelle neben der bereits existierenden geprüft. Erste Landungen sind für 2021 geplant“, sagt Bernd Leitner, Leiter der Tourist Information Worms. Auch er findet: „Der wirtschaftliche Nutzen von Flusskreuzfahrten ist für unsere Region weitaus geringer als in anderen Branchen.“ All-Inclusive-Reisen, wie sie das Flusschiffunternehmen A-Rosa anbietet, machen deutlich, was gemeint ist: Auf der Reise „Rhein Romantik“ zum Beispiel, die über Speyer führt, gibt es „umfangreiche Frühstücks-, Mittags- und Dinner-Buffets und auf vielen Reisen saisonale Ergänzungen wie einen Mitternachtssnack“ sowie „hochwertige Getränke ganztags inklusive“.

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„Welcher Gast würde in den angelegten Städten dann noch Geld für Gastro ausgeben wollen“, fragt sich Leitner. „Vielleicht für ein Eis und Merchandise-Produkte, wie Postkarten und Magnete.“ Ein großartiger, wirtschaftlicher Nutzen, von der die Rhein-Neckar-Region profitiert? Eher nicht.

Trotzdem: Weil für die Städte der Tourismus – egal ob durch Tages- oder Übernachtungsgäste – einen wirtschaftlichen Stellenwert hat, wird dafür viel getan. „Das touristische Wege-Leitsystem in unserer Stadt orientiert sich an den Bedürfnissen aller Gäste, inklusive der Bedürfnisse der Kreuzfahrtgäste“, sagt Matthias Nowack, Sprecher der Stadt Speyer. Sightseeing-Beschilderungen sind nicht nur dort, sondern auch in Ludwigshafen, Worms und Heidelberg ausreichend vorhanden, beginnen beispielsweise an den Anlegestellen und führen in die Innenstadt hinein. Ganze Wege wurden in den vergangenen Jahren neu bepflastert – Barrierefreiheit für Jedermann.

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„Momentan stehen unsere Mitarbeiter der Tourist-Information mit den Organisatoren der Flusskreuzfahrtschiffe im Dialog“, sagt Iris Joch, kaufmännische Leiterin der Ludwigshafener Kongress- und Marketing-Gesellschaft (Lukom). „Davon lässt sich ableiten, dass der Kreuzfahrttourismus gut nutzbar ist, um unserer Destination Bekanntheit zu verschaffen und Touristen anzuziehen.“

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Kritischer sieht es die Stadt Heidelberg, die laut Sprecher Christian Beister für einen nachhaltigen Tourismus eintritt: „Das Ziel ist, die Verweildauer der Gäste in der Stadt weiter zu erhöhen und nicht massenhaft Kurzaufenthalte zu fördern“– auch zum Schutz der Umwelt. „Flusskreuzfahrtschiffe sind für einen nachhaltigen Tourismus kontraproduktiv – auch weil sie meist während des Anlegezeitraums, auch nachts, den Motor laufenlassen.“

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