Prozess um Zwangsräumung - Mieter will seine Wohnung mit Feuerwand schützen / Unterbringung in der Psychiatrie steht im Raum Brandsatz-Attacke genau geplant

Von 
Simone Jakob
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Der Angeklagte (vorne) mit seinem Verteidiger beim Prozessauftakt. © Sin

Frankenthal/Neustadt. Für den Mann auf der Anklagebank war Krieg – er will seine „Burg“ um jeden Preis verteidigen und die Angreifer in die Flucht schlagen. Für die beiden Mitarbeiter des Neustadter Ordnungsamtes, die am 20. August seine Wohnung wegen Mietschulden zwangsräumen müssen, ist es ein unfassbarer Angriff auf ihr Leben, der sie gezeichnet hat. Die Anklagebehörde geht davon aus, dass der 64-jährige Mieter nach der Öffnung seiner Wohnungstür durch den Schlüsseldienst unvermittelt Molotow-Cocktails auf die beiden Beamten geworfen und sie damit schwer verletzt hat. Insgesamt waren bei der Zwangsräumung sechs Menschen mit Brandsätzen verletzt worden.

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Seit Donnerstag muss sich Mieter Harald M. nun wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und besonders schwerer Brandstiftung vor dem Landgericht in Frankenthal verantworten. Die Staatsanwaltschaft spricht davon, dass der Pfälzer versucht hat, „heimtückisch, grausam, mit gemeingefährlichen Mitteln und aus niedrigen Beweggründen“ mehrere Menschen zu töten.

Einer ist der 52-jährige Mitarbeiter des Kommunalen Vollzugsdienstes, der im Zeugenstand berichtet: „Als die Tür offen war, habe ich zwei Schritte in den Flur hinein gemacht, mich vorgestellt und ihn entspannt an der Küchentür stehen sehen.“

Brennend am Boden gewälzt

Weil Harald M. zwei Blechdosen in der Hand gehalten und freundlich gefragt habe: „Na Männer, wollt ihr einen Kaffee?“, habe er nicht mit einem Angriff gerechnet. Als ihm der Angeklagte plötzlich die mit Benzin und Farbresten gefüllten Gefäße entgegenschleuderte. „Ich habe instinktiv die Arme hochgerissen. Dann gab es eine Explosion und etwas siedend Heißes prasselte auf mich nieder“, erzählt der Zeuge. Er sei ins Treppenhaus gerannt und habe sich auf dem Boden gewälzt, um das Feuer zu löschen.

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Sein Kollege hatte sich laut Anklage ins Bad gerettet und sich dort mit Wasser selbst gelöscht. Da mittlerweile aber der Flur brannte und der Rückweg abgeschnitten war, sei der schwer verletzte Mann über den schmalen Fenstersims bis zum Treppenhausfenster balanciert, wo er hereingelassen wurde. Beide Männer erlitten schwere Brandverletzungen und lagen im Krankenhaus. Im Dienst sind beide noch nicht. „Ich bin einmal pro Woche bei einer Psychologin, um das alles zu verarbeiten“, erzählt der 52-Jährige mit erstickter Stimme.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte weitere Brandsätze in Form von Weinflaschen vorbereitet hatte, aus denen mit Benzin getränkte, brennende Lappen ragten. Als die Feuerwehr anrückte, habe er seine selbst gebauten Molotow-Cocktails angezündet und aus seinem Fenster auf die Einsatzkräfte geworfen. Laut Anklage handelte M. im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit, deshalb kommt die Unterbringung in einer Psychiatrie infrage.

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Eloquent erzählt der schmächtige Angeklagte von seiner Kindheit als uneheliches Kind eines Weinhändlers in Edenkoben. Nach dem Hauptschulabschluss auf einer katholischen Schule und dem Abitur in einem Klosterinternat sei er zur Bundeswehr gegangen, doch wegen einer Befehlsverweigerung in einer Nervenklinik gelandet und vom Dienst befreit worden. Trotz Ausbildungen zum Masseur, Schumacher und Schweißer habe er nirgends Fuß fassen können. So sei er 25 Jahre seines Lebens arbeitslos gewesen und mit 56 verrentet worden. 2013 habe er drei Monate in einer geschlossenen Psychiatrie verbracht, weil er statt bei einem Gerichtstermin mit seinem Vermieter mit einer geladenen Pistole beim Amtsarzt erschienen war. Seine Erzählungen wirken fast fröhlich. Nur als er vom Tod seines Hundes berichtet, bricht er in Tränen aus. „Albert war 15 Jahre mein bester Freund“, schluchzt er.

Benzin in Weinflaschen

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Auf den Tag der Zwangsräumung habe er sich vorbereitet: „Man hatte mir den Krieg erklärt und es kam für mich darauf an, einmal ein Mann zu sein. Ich wollte mich wehren und mir nicht wie sonst einen Tritt geben lassen.“ Deshalb habe er sich 15 Liter Benzin gekauft und dieses in Marmeladengläser und Weinflaschen abgefüllt. „Als dann der erste Soldat hereingekommen ist, habe ich ihn übergossen und gleichzeitig die Teelichter, die ich neben die Tür gestellt hatte, angezündet. Es sollte eine Feuerwand entstehen, dass niemand in meine Wohnung kann.“

Auf die Frage des Vorsitzenden, ob ihm klar war, dass er damit jemanden verletzen könne, sagt M. trocken: „So ist das im Krieg.“

Redaktion schreibt als Reporterin über Themen aus der Metropolregion