Gesellschaft - Ehe- und Familienberatungsstellen berichten über zunehmende Anfragen von Paaren Beziehungen leiden unter Krise

Von 
Jasper Rothfels
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Gerade in der Corona-Krise stoßen viele Paare beziehungstechnisch an ihre Grenzen. © dpa

Rhein-Neckar. Der Corona-Lockdown tat der Beziehung des älteren Ehepaars nicht gut. Der Mann kam mit dem Verlust des Gewohnten nicht klar, zeigte depressive Züge und ließ sich hängen. Für seine Frau war das zu viel. „Ich ertrag den nicht mehr, der ist mir so zuwider geworden“, klagte die Mannheimerin bei einer Beratungsstelle. „Ich möchte ihn am liebsten verlassen.“

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Kein Einzelfall, denn unter Corona-Bedingungen leidet so manche Beziehung. Für den Bereich seines Teams lasse sich „eindeutig“ sagen, dass Paarprobleme zugenommen hätten, berichtet Bodo Reuser, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Erziehungs-, Paar- und Lebensfragen der Evangelischen Kirche in Mannheim. Corona sei dabei aber oft nur ein Anlass, nicht der Grund, so der Psychologe. Die Krise wirke wie eine Lupe, die plötzlich offenbare, „was an Schwierigkeiten da war“. Denn die üblichen Möglichkeiten, sich zu entziehen, etwa zu verreisen, fielen weg. „Dadurch ist die Belastung einfach wesentlich höher.“ Die Folge: Man fühle sich vom Gegenüber genervt, verstehe einander nicht und streite schnell, so Reuser, der auch von mehr Anfragen wegen Trennungen berichtet.

Die Leiterin der Ehe-, Familien-und Lebensberatung der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Mannheim, Astrid Schrankl, hat auch den Eindruck, dass Paar- und Familienkonflikte „zunehmen und sich verstärken“. Wenn zum Beispiel ein Partner unternehmungslustiger sei als der andere, habe man diese Bedürfnisse früher außerhalb der Partnerschaft kompensieren können. Das sei nun sehr eingeschränkt. „Und dann entsteht so ein Druck bei den Paaren und den Familien, wie man damit umgeht.“

Neue Belastungssituationen

Frust und Streit könne es auch geben, wenn einer der Partner gar nicht mehr raus wolle. Oder wenn einer von beiden ängstlich oder gar Risikopatient sei, der andere hingegen sage, es könne beim Rausgehen nicht viel passieren, er sei vorsichtig und trage eine Maske. Dann sei Corona plötzlich nicht mehr nur „eine Bedrohung von Außen“, sondern der Umgang damit werde zu einer Frage der Moral – nach dem Motto „Wie kannst du riskieren, dass wir uns vielleicht anstecken?“ „Ich habe erlebt, dass es für Paare wirklich schwierig wird, damit umzugehen“, so die Psychologin.

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Die unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen kämen dann noch mehr zum Tragen. Aber Paare stünden auch vor neuen Belastungssituationen – zum Beispiel, wenn der im Homeoffice arbeitende Vater überfordert sei, weil er die Kinder im Homeschooling betreuen müsse, während die Mutter im Büro sei.

Das Finanzielle sei immer wieder eine Herausforderung, sagt Pädagogin Julia Fey vom Haus der Diakonie in Neustadt. „Und diese Sorgen, die bilden sich dann natürlich auch wieder ab in Beziehungen“. Bei Alleinerziehenden komme noch die Isolation hinzu. „Alles, was vorher schon schwierig war, ist natürlich in der Pandemielage noch mal schwieriger geworden.“

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Die Nachfrage nach Beratung spiegeln auch Zahlen wider. Das Caritas-Zentrum Speyer betreute 2020 in seiner Ehe-, Erziehungs- und Lebensberatung für Speyer und den Rhein-Pfalz-Kreis 288 Menschen (2019: 237) und damit insgesamt - Angehörige eingeschlossen - 589 Menschen (2019: 470). „Es wurden Corona-bedingt also rund 120 Personen mehr erreicht“, so die Sprecherin des Caritasverbandes für die Diözese Speyer, Melanie Müller von Klingspor.

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Wie können Berater helfen? „Manchmal hilft schon das Gespräch“, sagt Julia Fey. Für Astrid Schrankl geht es unter anderem darum, zu verstehen, „welche Not“ hinter dem jeweiligen Verhalten des Partners steht und die Paare bei der Entwicklung neuer Perspektiven und Handlungsspielräume zu unterstützen. Wenn die Partner zum Beispiel aggressiv würden, weil sie zu eng aufeinander säßen, müssten sie versuchen, sich Freiräume zu schaffen, sagt Reuser.

Beratung als Chance

Gern greife man auch auf alte Erfahrungen des Paares zurück, zum Beispiel, was zur Heirat geführt habe, „und was von dem kann wieder aktiviert werden?“ Die Öffnung bei der Beratung könne man deshalb auch als „Chance“ sehen, mehr von sich und dem anderen zu verstehen und wieder ins Gespräch zu kommen.

Das ältere Mannheimer Paar hat diesen Punkt vermutlich nicht erreicht. Nachdem der Mann sich geweigert habe, an einem Videogespräch teilzunehmen, habe man von beiden nichts mehr gehört, so Reuser.

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