Pandemie - Corona-Dezember führt in Speyer und Ludwigshafen zu Übersterblichkeit – Entspannung im Januar spürbar Bei jedem zweiten Toten steht „mit Covid-19“ auf dem Zettel

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Simone Jakob
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Wegen der Ansteckungsgefahr müssen Särge mit an oder mit Covid-19 Verstorbenen – wie bei Hepatitis-Opfern – gekennzeichnet werden. © dpa

Speyer/Ludwigshafen. Vermutet hatte man eine Übersterblichkeit durch die Corona-Pandemie in der Region seit Wochen. Mittlerweile gibt es Zahlen – und damit die Bestätigung: In einigen Kommunen sind im Dezember fast doppelt so viele Menschen gestorben wie im Vorjahr. Zu diesen Städten zählen Ludwigshafen und Speyer, die Mitte Dezember die höchsten Werte bei der 7-Tage-Inzidenz in Rheinland-Pfalz hatten.

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„In einem normalen Dezember registrieren wir etwa 100 Todesfälle, 2020 waren es beinahe 200 Tote“, berichtet der Leiter des Speyerer Standes- und Friedhofsamtes, Hartmut Jossé im Gespräch mit dieser Redaktion. Was die Rolle der Pandemie dabei angeht, redet der 54-Jährige Klartext: „Bei jedem zweiten Toten stand ,mit Covid-19 gestorben’ auf dem Zettel. Bei den Verstorbenen, die aus den Altenheimen gekommen sind, ist beinahe jeder mit oder an Corona gestorben.“ Die Belastung für das Team sei immens hoch. Denn wegen der geltenden Corona-Regeln habe man den 20 Mann umfassenden Bestattungsdienst bereits im März in zwei feste Teams aufgeteilt.

„Falls alle gleichzeitig wegen eines Corona-Falls in Quarantäne müssten, steht der Friedhof still.“ Eine besondere Bedeutung komme unter anderem den Spezialbaggerfahrern zu. „Zum Ausheben der Erdgräber müssen die Fahrer ihren Bagger, der aussieht wie eine Spinne auf vier Beinen, zwischen den bestehenden Gräbern rangieren. Da es dort höchstens zweieinhalb Meter Platz gibt, ist Fingerspitzengefühl gefragt. So einen Bagger kann nicht jeder fahren“, betont der Friedhof-Chef.

Gleiches gelte für die Sargbegleitung, nicht jeder Mensch sei für diese Arbeit gemacht, die großes Einfühlungsvermögen erfordere. „Die Teams sind auf den Kopf abgezählt und wir haben eine Urlaubssperre verhängt. Gleichwohl mussten bei Ausfällen auch die Mitarbeiter der Bestatterfirmen mitanpacken, um einen Verstorbenen mit der gebotenen Würde und Pietät beizusetzen.“

23 Bestattungen pro Woche

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Insgesamt bewältigt Jossés Team 23 Erd- und Urnenbestattungen pro Woche. Viel zeitlichen Spielraum lasse das Gesetz dabei nicht: „Aufgemachte Gräber müssen am selben Tag wieder verschlossen werden, deshalb finden Erdbestattungen bei uns immer vormittags statt.“ So könnten die Mitarbeiter das 2,50 Meter tiefe Grab nach der Beisetzung wieder mit Erde aufschütten und den Boden so weit verdichten, dass die Angehörigen das Grab am Nachmittag schmücken können.

Ein ähnliches Bild zeichnen die Wirtschaftsbetriebe Ludwigshafen (WBL) – die Grünflächen und Friedhöfe betreuen: „Die Anzahl der Toten insgesamt hat sich 2020 in Ludwigshafen zwar nicht erhöht, aber im Dezember 2020 haben sich die Todesfälle im Vergleich zum Dezember des Vorjahres verdoppelt. Corona hat dabei einen Anteil von etwa 35 Prozent gehabt“, schildert Gabriele Bindert, Leiterin des Bereiches Grünflächen und Friedhöfe bei den WBL die Situation während des bisherigen Pandemie-Höhepunkts.

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„Da etwa 80 Prozent Urnenbestattungen sind, haben wir die Schichten ausgeweitet. Das betrifft die Arbeit im Krematorium und auch bei den Beisetzungen. Es gibt im Krematorium zwei Öfen, die je nach Bedarf ganztägig oder auch nachts in Betrieb sind“, berichtet Bindert. Da mehr Arbeit anfalle, sei die Anzahl der Mitarbeiter von drei auf vier erhöht und die Arbeitszeiten ausgeweitet worden.

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Zudem haben die WBL wegen des deutlichen Anstieges auf dem Hauptfriedhof ein „Nachtlager“ mit Kühlung eingerichtet. Diese gekühlte Doppelgarage außerhalb des Krematoriums stehe den Bestattern 24 Stunden zur Verfügung. „Dieses Nachtlager wird auch am Wochenende geleert. Insgesamt kommen wir durch die Erweiterung der Schichten im Krematorium mit den Kühlkapazitäten aktuell hin“, fasst Bindert zusammen.

Solche Kühlgaragen sind in Speyer kein Thema. Die Domstadt verfüge nur über einen, 19 Hektar großen, Hauptfriedhof, der drei Kühlzellen bereithält. „In jede passen bis zu 15 Särge und alle Bestatter haben einen Schlüssel und können jederzeit hinein“, sagt Jossé.

Spezialsarg vorgeschrieben

Über ein eigenes Krematorium verfüge die 51 000-Einwohner-Stadt nicht. Vielmehr sei das Landauer Krematorium für die Süd- und Vorderpfalz zuständig. Dort müssten die Bestattungsunternehmen auf die Minute pünktlich zum Termin erscheinen. Bei Covid-19-Opfern sei wegen der Infektionsgefahr ein Spezialsarg mit entsprechender Kennzeichnung vorgeschrieben. Laut Gesetz dürfe ein Toter frühestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes verbrannt werden. Bei Covid-19-Toten könne diese Frist wegen der Seuchengefahr verkürzt werden.

Im Januar habe sich die Situation in Speyer entspannt. „Bislang haben wir 100 Sterbefälle, das ist zwar mehr als in einem normalen Januar, aber auf doppelt so viele werden wir nicht mehr kommen“, so der Amtsleiter. Die Zahl der Covid-19-Opfer liege derzeit bei etwa 30 bis 35 Prozent. „Dass in den Seniorenheimen mit dem Impfen begonnen worden ist, spürt man schon“, sieht der 54-Jährige Licht am Ende des Tunnels.

Redaktion schreibt als Reporterin über Themen aus der Metropolregion