Pandemie - Belästigungen im Online-Unterricht nehmen auch in der Region zu / Schüler geben Zugangsdaten weiter Aufruf bei Facebook: „Wer will unsere Mathestunde stürmen?“

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Oft haben die Störungen des Online-Unterrichts keinen strafrechtlich relevanten Hintergrund – nervig sind sie dennoch. © dpa

Rhein-Neckar. Eine sechste Klasse aus Heidelberg ist zum Fernunterricht in einem virtuellen Klassenzimmer zusammengeschaltet. Plötzlich bekommen die Realschüler Nacktbilder und rechtsradikale Inhalte zu sehen. Am Mannheimer Berufskolleg stellt eine Lehrerin im Deutschunterricht fest, dass sich deutlich mehr Schüler eingewählt haben, als in der Klasse sind. Als sie dies überprüft, erscheint ein bewaffneter Maskierter auf dem Bildschirm und beleidigt die Pädagogin. Wie Lehrer und Schulleiter aus der Region berichten, nehmen Störungen im Online-Unterricht zu. Auch bei den Kultusministerien in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz ist das Phänomen bekannt. Dort werden derzeit Empfehlungen für Lehrkräfte erarbeitet.

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Ein Großteil der Störungen hat nach Polizeiangaben zwar keine strafrechtliche Relevanz, nervt aber trotzdem Lehrer und Kinder, die beim digitalen Unterricht mitmachen möchten. „Außerdem wissen Schüler oft gar nicht, welche Konsequenzen ihr Verhalten hat. Wenn jemand Achtjährigen pornografische Bilder zeigt, ist das eine schwere Straftat. Juristisch betrachtet ist das schwerer sexueller Missbrauch von Kindern“, erläutert Sebastian Wolf vom Landeskriminalamt Hessen in Wiesbaden. Schulen mit Problemen im Online-Unterricht könnten sich an das „Cyber Competence Center“ wenden, wo Spezialisten von Polizei und Staatsschutz zusammenarbeiten – auch um die Internetsicherheit von Schulen zu erhöhen.

Ermittlungen laufen

„In jeder Klasse gibt es Störer. Das ist virtuell nicht anders“, sagt eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Mannheim. Was die Fälle in Heidelberg und Mannheim angeht, ermittle man noch in alle Richtungen: „Das Dezernat für Cybercrime bearbeitet die Vorkommnisse – noch steht nicht fest, ob es sich um professionelle Hackerangriffe gehandelt hat oder ob Schüler die Zugangsdaten an Dritte weitergegeben und so die Attacken ermöglicht haben.“ Oft sei es den Schülern gar nicht bewusst, dass dies verboten ist. Hier seien auch die Eltern gefordert, die ja dafür verantwortlich sind, dass ihre Kinder die Schulzugangsdaten nicht weitergeben. „Und Lehrer müssen Störer konsequent aus dem virtuellen Klassenzimmer entfernen.“

Ein Schulleiter berichtet von anstrengenden Unterrichtsstörungen im Videokonferenzsystem „BigBlueButton“ (BBB). Über diese Software können Lehrerinnen und Lehrer ihre Klassen virtuell unterrichten. Dass BBB nicht auf eine geschlossene Nutzergruppe beschränkt ist, erleichtere das Sabotieren des Unterrichts. „Das kann man vermeiden, wenn man einen digitalen Warteraum einrichtet und dann die Schüler in den Chat aufnimmt. In diesem Fall sind wir Lehrer sozusagen die Türsteher und entscheiden, wer in den Chat darf und wer nicht. Allerdings kostet das wertvolle Unterrichtszeit, und die ist knapp“, erzählt eine Pfälzer Pädagogin.

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Wie Lehrer berichten, reichen manche Schüler den BBB-Einladungslink über einen Instagram- oder TikTok-Account an Dritte weiter, die dann die Videokonferenz stören. Bisweilen würden auch im Sozialen Netzwerk Facebook solche Unterrichtslinks gepostet, verbunden mit einem Aufruf nach dem Motto: „Wer hat Lust, diese Geschichtsstunde zu stürmen?“ Wie die unerwünschten Unterbrechungen aussehen, ist unterschiedlich: „Meistens wird unerträglich laute Musik eingeschleust, so dass kein Videokonferieren mehr möglich ist.“ Bei dieser Art von Störung verfahren viele Lehrer so wie sie es im regulären Unterricht auch tun: „Es gibt eine Verwarnung, der Betreffende wird entfernt und wenn alles nichts hilft, wird er komplett vom Unterricht ausgeschlossen und wir bestellen die Eltern ein.“

Die von TikTok ausgehenden Attacken beschränken sich den Lehrerberichten zufolge aber nicht nur auf Eingriffe in den digitalen Unterricht durch akustische Störungen. Vielmehr gibt es wohl auch gezielte Attacken gegen Lehrerinnen, die beschimpft, beleidigt und dabei gefilmt werden. Später landeten die Videos bei Youtube.

Video auf Youtube veröffentlicht

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Bei einem 21-Jährigen aus Augsburg gab es deswegen in dieser Woche eine Wohnungsdurchsuchung. Der Mann hatte nach bisherigen Ermittlungen den Online-Unterricht einer Mittelschule im Unterallgäu gestört und ein Video davon auf Youtube veröffentlicht. Gegen den 21-Jährigen wird nun wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes ermittelt. Ihm drohen laut Staatsanwaltschaft eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahre Haft. sin/bjz/dpa