Zur Macht der manipulierbaren Masse

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Zum Kommentar „Neuorientierung“ vom 12. Januar:

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Michael Backfisch empfiehlt der Republikanischen Partei der USA eine Neuorientierung zurück zur politischen Mitte. Als ob damit die Basis des Trumpismus verschwunden wäre. Heiko Maas bietet wie ein Klassenprimus den USA einen Marshall-Plan für Demokratie an. Die Presse ergötzt sich derzeit in der Aufarbeitung des Sturms auf das Kapitol in Washington an Bildern von zottelbärtigen Hinterwäldlern und halbnackten Gestalten mit Pseudo-Indianerverkleidung, die die Dumpfbackigkeit der Trump-Anhänger abbilden soll. Fragen danach, was diese Menschen zu dem gemacht hat, was sie jetzt sind – Fehlanzeige. 75 Millionen Amerikaner haben Trump gewählt. Zieht man die amerikanische Wahlbeteiligung in Betracht, muss man mit etwa 100 Millionen Sympathisanten rechnen – also gut ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung. Alles Dumpfbacken, Hinterwäldler, Idioten? Keinen scheint es zu interessieren, woher diese Menschen kommen, die so leicht zu manipulieren und zu mobilisieren sind. In welcher wirtschaftlichen und sozialen Situation sind sie? Warum sind sie oder warum fühlen sie sich abgehängt?

Wenn man dem auf den Grund gehen will, fallen einem rasch Namen und Ereignisse der letzten Jahrzehnte ein – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, wo – unfassbar nach den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges – ein neuer Populismus erblüht. Ronald Reagan, Newt Gingrich, die Bushs, die Tea Party Bewegung, Margaret Thatcher, das Ende der Sowjetunion, Finanzkrise. Le Pen, Berlusconi, Orban, Erdogan, Farage, Johnson, Hartz IV, Explosion des Billiglohnsektors, Explosion der Mieten und der Unternehmensgewinne. Die Menschen, die unter diesen Entwicklungen zu leiden haben, nur als Verschwörungstheoretiker und Aluhut- oder Büffelkopfträger zu bespötteln, ist in, jedoch aus meiner Sicht bodenlos leichtfertig.

Wer sich um diese Menschen nicht kümmert, spielt mit dem Feuer. Trump, Bannon, Farage, Johnson und Co. haben schon längst die reale oder manchmal auch nur scheinbare Not der Menschen instrumentalisiert und die Macht dieser manipulierbaren Masse begriffen. Wenn außer herablassender Hochnäsigkeit nichts geschieht, werden sie es wieder und wieder tun. Um es mit Brecht zusagen: Erst kommt das Fressen (Arbeit, Wohnung, Sicherheit, Perspektive), dann die (politische) Moral. (von Rolf Menz, Wilhelmsfeld)

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