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Zu den Philharmonikern

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Das Archivbild zeigt die Mannheimer Philharmoniker mit Dirigent Boian Videnoff und Sergei Nakaiakov am Flügelhorn im Mannheimer Rosengarten. © Christoph Blüthner

Zum Thema Mannheimer Philharmoniker:

Wenn ich mir die Liste hochkarätiger Förderer der Mannheimer Philharmoniker ansehe, sollte es diesen finanzkräftigen Menschen doch möglich sein, ihr Lieblingsorchester zu finanzieren. Wenn der, anscheinend zu Recht, umstrittene Dirigent Videnoff und seine Frau außer dem Namen des Orchesters nichts mit Mannheim am Hut haben, sollte die Stadt nicht auch noch mit Steuergeldern einspringen. Unser Nationaltheater hat ein großartiges, renommiertes Orchester, das jede Förderung wert ist.

Als Mitglied der Mannheimer Philharmoniker kann ich sagen, dass ich nie benutzt wurde. Dieses Orchester gibt uns Freiheit, Wachstum und auch finanzielle Unterstützung. Es wurde schnell zu einer zweiten Familie für mich – die Familie, die ich gewählt habe, und die Familie, die mich gewählt hat. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die wertvollsten Aspekte in dieser Gemeinschaft Liebe, Musik und Freundlichkeit über alle Grenzen hinweg sind. Dort ist kein Platz für Lügen, Hass oder schlechte Energie.

Das Spielen bei den Mannheimer Philharmonikern hat mir viele Möglichkeiten gegeben (wie zum Beispiel das Spielen mit Martha Argerich, Mischa Maisky, Sergei Nakariakov, Michael Barenboim, Sonja Yoncheva und vielen anderen). Sicherlich hat mir diese Erfahrung nicht nur geholfen, einen Job als Solo-Kontrabassist in der Philharmonie zu bekommen, sondern sie entzündet auch mein Feuer, mehr zu lernen, zu verbessern und zu erreichen.

Da ich seit Dezember öfters bei den Projekten teilnehme, hat mich die Meldung über die Streichung der finanziellen Hilfen der Stadt Mannheim bestürzt. Noch schlimmer beunruhigt mich die negative Welle der Kritiker, welche mit falschen Behauptungen das Orchester angreifen. Der Leserbrief von Herrn Siegel brachte mich komplett aus der Fassung, weshalb ich Ihnen meinen Standpunkt zu den Mannheimer Philharmonikern jetzt schreibe.

Seit über einem Jahr studiere ich an der Mannheimer HfMdK Viola und werde bald meinen Bachelorabschluss machen. Die Pandemie schränkte meine Weiterbildung als Berufsmusiker ein und ich zweifelte an meiner musikalischen Zukunft, später im Profiorchester zu landen. Im Dezember 2021 erhielt ich eine kurzfristige Anfrage, ob ich bei einem Projekt der Mannheimer Philharmoniker als Stimmführer einspringen könnte. Ich war überrascht, dass mich eine Philharmonie als Aushilfe engagieren wollte.

Dennoch, im Laufe des Projekts (Mozart Requiem) war ich überwältigt. Disziplinierte und freundliche Musiker finden immer für meine Anliegen eine Lösung. Ganz wichtig war es, dass ich mich willkommen gefühlt habe. Die Mannheimer Philharmoniker sind wie eine zweite Familie, in der jeder gleich behandelt wird und es zu einem kulturellen Austausch kommt – nicht nur musikalisch aber auch menschlich. Dazu die sehr produktive und professionelle Arbeitsphase, die mich unter der Leitung von Boian Videnoff musikalisch auf eine neue Ebene hinauf befördert. Der Mix zwischen Studierenden, welche sich im Bachelor oder Master befinden, und Berufsmusikern ergibt zusammen eine Welle von Austausch an gewonnener Erfahrung und Wissen.

Die Mannheimer Philharmoniker sind ein Bildungsorchester, in dem jeder Musiker einen Platz findet und einen in der Welt der Musik weiterbildet. Deshalb ist das Argument, die Musiker werden ausgebeutet, komplett falsch. Im Gegenteil. Wir gewinnen mehr und mehr an Erfahrung. Statt eines Gehalts, welches ja nur Angestellte mit Festvertrag bekommen, erhalten wir ein Stipendium, welches für mich persönlich, mehr als ausreichend ist.

Als Musiker der Mannheimer Philharmoniker fühle ich mich alles andere als ausgenutzt, sondern im Gegenteil: bereichert! Es ist wunderbar, mit diesen tollen Menschen Musik machen zu dürfen und dazu mit bestem Essen versorgt zu werden und in tollen Hotels unterzukommen; auch die Fahrtkosten werden zu 100 Prozent erstattet. Neben diesen Faktoren ist das Stipendium der MP vergleichbar mit dem der Rhein-Neckar Orchesterakademie, an welcher das NTM ja auch beteiligt ist.

Dort wird ein Dienst auch nicht besser vergütet, zudem müssen Fahrtkosten und Verpflegung sogar selbst geleistet werden. Wenn man findet, dass das Ausbeutung ist, dann ist die gesamte freie Musikszene Ausbeutung! Dieses Problem auf die Mannheimer Philharmoniker abzuwälzen, ist unfair und lenkt von der eigentlichen Frage ab: Wie viel ist uns Kultur Wert und wer sollte zur Kasse gebeten werden? Wir Künstler sollten zusammenhalten und uns nicht bekriegen. Wir machen doch auch unsere Kunst gemeinsam!

„Was bleibt, ist der Mannheimer Dreck“, schreibt Reinhard Siegel. Diese Beschreibung akzeptiere ich nicht. Im Jahr 2017, als ich mein Bachelor-Abschlusskonzert spielte, Violine als Hauptdarstellerin in der Elbphilharmonie-Werbung drehte und meinen ersten Auftritt mit den Mannheimer Philharmonikern spielen durfte, öffnete ich meine Flügel in der Künstlerwelt. Fünf Jahre vergingen und durch die Konzerte der Mannheimer Philharmoniker lernte ich meine Liebe kennen.

Die musikalische Erziehung, die Herr Videnoff uns schenkt, erlebte ich anderswo nur sehr selten in Internationalen Meisterkursen, die sich die meisten Musiker nie leisten können. Herr Videnoff lädt uns ein, finanziert uns, damit wir sorglos die Tage musizieren können. Wer dachte, dass ich in der Zwischenzeit ein Doppelmaster als Violinistin und Psychologie für Musiker machen würde und sogar mich wortwörtlich in Mannheim verlieben würde?

Ich trug damals seelische Verletzungen durch Universitätsmusiker in mir und die Mannheimer Philharmoniker waren und sind ein Heilmittel. Sie sind meine Bestätigung, dass Musiker füreinander da sein können. Was in Mannheim geblieben ist, ist nicht der Mannheimer Dreck, sondern das ist nur, was manche behaupten.

Ich bin in Hamburg geboren, in Japan und Kanada aufgewachsen, in Deutschland studiert und habe mich entschlossen, in Mannheim mein Nest aufzubauen. Wieso? Weil ich durch die Mannheimer Philharmoniker an das Gute der Menschheit glaube und an meine Investition durch künstlerische Erziehung in der Stadt Mannheim glaube. Genauso erlebt die Stadt Mannheim die Melodien von den Mannheimer Philharmonikern, die den guten Ruf international nach Mannheim gebracht haben.

Als Solo-Pauker dieses Orchesters bin ich in den letzten fünf Jahren nie, um es klar zu sagen, niemals, aus irgendeinem Grund ausgenutzt worden! Hauptziel und Motivation dafür, bei den Mannheimer Philharmoniker zu sein, ist, dass ich mit meinen großartigen Kollegen aus der ganzen Welt zusammenarbeiten und das göttliche Gefühl des gemeinsamen Musizierens teilen kann. Ich lerne auf jeden Fall ständig dazu, auch von Instrumentalisten, die nicht zu meinem Fachgebiet gehören. Die Orchesterleitung ist ein unglaubliches Team von Menschen, die sich stets nach Kräften um unser Wohlergehen kümmern. Ich bin sehr glücklich, Teil dieses Orchesters zu sein. Es hat unser ganzes Herz durch Musik verbunden! Was meiner Meinung nach immer im Mittelpunkt stehen sollte – unserem Publikum den Geist der Liebe, des Friedens und der Leidenschaft zu vermitteln.

Für mich persönlich war dieses Orchester der Mannheimer Philharmoniker eine einmalige Chance, mich als Musiker und als Mensch weiterzuentwickeln. Es hat mir die Möglichkeit gegeben, neben großartigen Musikern Erfahrungen zu sammeln, nicht nur als Solist, sondern auch im Orchester. Die wunderbaren Bedingungen, unter denen wir während der vier Tage jedes Projekts arbeiten, sowie die Stipendien, die wir erhalten, ermöglichen es uns, uns zu 100 Prozent auf die Musik zu konzentrieren (Hotel, Verpflegung und Transport inklusive). Dadurch können wir die Musik viel besser verstehen und aufführen, als wenn wir nur die Wettbewerbspassagen zu Hause studiert hätten. Wir wurden nie respektlos behandelt oder für persönliche Zwecke missbraucht. Im Gegenteil, ich profitiere davon, im Orchester zu spielen.

Als Mitglied der Mannheimer Philharmoniker möchte ich eine Stellungnahme zur jetzigen Situation des Orchesters abgeben. Ich möchte sagen, wie dankbar ich Maestro Videnoff, Frau Bratchkova und allen Mitarbeitern für ihr unglaubliches Engagement und ihre Inspiration bin. Es macht mich traurig zu wissen, dass unser Orchester aufgrund einiger persönlicher Meinungen aufhören könnte, zu existieren, und es beunruhigt mich, in einer Welt mit noch weniger klassischer Musik zu leben. Ich kann unser Orchester nur loben. Als ich zum ersten Mal hierher kam, war es schwer zu ignorieren, wie wunderbar freundlich und großzügig die Atmosphäre war. Wir haben nicht nur die Möglichkeit, ein bedeutendes Repertoire zu spielen, das für jeden einzelnen Spieler wichtig ist, sondern wir haben auch die Möglichkeit, einige der weltbesten Solisten bei fast jedem einzelnen Projekt zu begleiten. Um nur einige zu nennen: Martha Argerich, Michael Barenboim, Sergei Nakariakov und viele andere.

Unser Dirigent Boian Videnoff unternimmt unglaubliche Anstrengungen, um unser Orchester am Laufen zu halten und wir spüren es, dass er uns als Profis schätzt und behandelt, was meiner Erfahrung nach leider nicht die Norm ist. Ansonsten sind unsere Arbeitsbedingungen dank unseres unglaublichen Personals und unserer Organisation außergewöhnlich gut und wir werden sehr gut behandelt, Stipendium, Unterkunft in einem 4,5-Sterne-Hotel und Reisekosten werden erstattet. Ich hoffe, die Stadt Mannheim wird unser Orchester weiterhin finanzieren und hält dadurch diese unglaubliche Gelegenheit für andere junge Musiker offen.

In diesem Orchester habe ich mehr als zehn Jahre lang Geige gespielt, und ich habe nur Worte des Dankes für dieses Orchester. Es ist nicht nur ein wichtiger Teil meiner Ausbildung als Musiker im wirklichen Leben, wo man sein Wissen und seine Einstellung als Musiker in die Praxis umsetzen muss, sondern es hat uns die Möglichkeit eröffnet, mit großen Solisten der Musikszene zu spielen. Die letzten Konzerte waren auch ein Geschenk für das Publikum, das immer im Stehen applaudierte. Und die Hilfe von Frau Bratchkova als Konzertmeisterin war immer von unschätzbarem Wert.

Der Verlust dieses Orchesters wäre eindeutig ein immenser kultureller Verlust für die Stadt und für die Kultur im Allgemeinen. Ich werde Herrn Videnoff und allen, die die Organisation der Mannheimer Philharmoniker möglich machen, immer Worte der Dankbarkeit entgegenbringen.

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