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Über die Zukunft Mannheims

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Blumenkübel und Sitzgelegenheiten in der Mannheimer Innenstadt. © Kai Plösser

Zum Thema Verkehrsversuch:

Einkaufsstadt Mannheim? War einmal! Alle Verkehrsmaßnahmen zielen darauf ab, die Innenstadt vom Auto zu befreien. Es wird zwar darauf hingewiesen, dass die Parkhäuser zu erreichen sind; trotzdem wird es dem Umlandbesucher immer schwerer gemacht, mit Verengungen durch Radwege sowie Sperrungen von Kunststraße und Fressgasse. Bald auch auf dem Kaiserring!

Außenbewirtschaftung auf ehemaligen Parkplätzen mag ein Publikum erfreuen, das sich früher in der Breiten Straße getummelt hat. Events machen Dreck, der auf Kosten der Steuerzahler aufwendig beseitigt werden muss! Aufenthaltsqualität mit feinen Cafés – das war einmal. Die Überlebensappelle der Geschäftswelt verhallen im Wind des allgemeinen Mainstreams.

Ganz offen, ich fühle mich in dieser Stadt weder willkommen noch wohl und vermeide es, in Mannheim zu bummeln oder gar einzukaufen. Das Gebiet um den Wasserturm wird belagert wie ein Schwimmbad! Wann entfernt Mannheim das Benz-Denkmal am Ende der Augusta Anlage? Freiherr von Drais ist angesagt! Fernöstliches Flair und Duft aus Wasserpfeifen motivieren mich nicht zum Besuch, ebenso nicht Radler, für die so gut wie keine Verkehrsregeln gelten.

Veränderungen sind nötig und meistens auch gut! Leider kann ich das von meiner Heimatstadt nicht sagen. Ich bin hier geboren und in einem Geschäftshaushalt aufgewachsen. Ich habe gelernt, dass man den Einzelhandel unterstützt und somit auch der Stadt Gewerbesteuer „schenkt“. Der Einzelhandel in unserer Stadt ist nicht mehr das, was er mal war, es gibt kaum noch individuelle Geschäfte.

Die horrenden Mieten sind für kleine Geschäfte nicht mehr tragbar. Investoren machen alles kaputt. Dazu kommen die absurden Ideen unserer Stadtoberhäupter: Fahrradstadt! Alles sperren, dazu Baustellen, Lkw und Müllabfuhr. Es ist ein Horror, in die Mannheimer Innenstadt zu fahren. Leider werde ich den Einzelhandel und somit auch die Stadt nicht mehr unterstützen. Gesundheitlich bedingt kann ich meine Einkäufe ohne Auto nicht nach Hause bringen. Fahrrad fällt ebenso weg. Zu einem Einkauf in der Stadt gehört natürlich auch das Einkehren zum Mittagessen oder Kaffee trinken. Fällt auch weg, da die Parkgebühren zu hoch sind und ich kein Verständnis dafür habe.

Zukünftig werde ich mein Geld nach Hessen tragen. Gründe: Ich bin schneller dort, kann direkt vor den Geschäften kostenlos parken und gönne mir noch ein Mittagessen. Ade, meine Heimatstadt! Sperrt nur weiter die Straßen zu.

Jetzt sollte auch dem Letzten klar sein, in welche Richtung unsere Kommunalpolitik mit Herrn Oberbürgermeister Kurz an der Spitze die Stadt lenken will. Unmissverständlich macht er in dem Interview vom 29. Juni deutlich, dass er die Ausrichtung der Stadt von einer blühenden und bunten Handels- und Industriemetropole in ein kleinbürgerliches Spießeridyll wandeln will. Der Handel und Wandel soll zum Erliegen gebracht werden, zugunsten einer Oasenlandschaft, in der sich Leute, die sich das leisten können, auf Sitzgelegenheiten rekeln und miteinander über Gott und Welt philosophieren, um dann über die Radwege zum nächsten Ruheort zu eilen, bis der Tag sich neigt.

Diese Vorstellung des in vollendeter Harmonie lebenden Bildungsbürgers mag manchem erstrebenswert erscheinen; bei mir dagegen rollen sich die Fußnägel nach oben. Nicht nur, dass dieser Müßiggang der Inbegriff purer Langeweile ist, sie ist auch unangemessen elitär. Denn nur dem bereits Vermögenden oder den durch staatliche Stellen reichlich Alimentierten können solche Szenarien zugutekommen. Irgendwer muss dagegen auch die Arbeit leisten, die solchen diesen Traum verwirklichen und später dann auch durch Wartung erhalten lässt.

Im Endeffekt ist dies die Rückführung der Gesellschaft in das Ende des 19. Jahrhunderts, als ein Großbürgertum flanierte und plauderte und sich dabei von Bediensteten umhegen und umpflegen ließ. Dieses neu aufkommende Faible für die Bourgeoisie ist eng mit dem Namen des dänischen Stadtplaners Jan Gehl verbunden. Mit dem Argument der CO2-freien Stadt setzte er mit den Verantwortlichen in Kopenhagen eine Planung um, die weg vom Handel und hin zu Begegnungsstätten für Menschen baute.

Dieses Modell scheint nun so manchem Stadtoberhaupt nachahmenswert. Allerdings ist es doch sehr fragwürdig, ob das für alle Städte ein tragfähiges Konzept darstellt. Dass Dänemark generell und die Hauptstadt Kopenhagen im Besonderen sehr wohlhabend ist, ist nicht erst seit gestern bekannt. Bemerkenswert ist dabei aber, dass die im Umsatz größte dänische Firma, die diesen Wohlstand entscheidend mit generiert, die weltgrößte Containerschiffsrederei ist. Würde man deren CO2-Ausstoß in den von Kopenhagen mit einrechnen, wäre die Bilanz wohl nicht so positiv.

So finde ich es ehrlicher, dass Mannheim das genaue Gegenteil dieses Modells ist. Hier werden noch der deutliche Umgangston der Malocher gepflegt und das Feierabendbier in der Kneipe gemeinsam genossen. Die momentane Führung der Stadt übersieht den Sachverhalt, dass Mannheim nicht nur eine City für Wohlhabende ist, sondern immer auch noch Handels- und Industriezentrum. Damit die Stadt das aber auch bleibt, sollte man die Totengräber dieses Flairs ziehen lassen. Mannheim hat an der Spitze Besseres verdient.

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Klaus Tremmel
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