Thema vorenthalten

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Zum Interview mit Ahmad Mansour „Ich habe mich von meinem Hass befreit“ vom 27. Oktober:

Laut Herrn Mansour ist der nahöstliche Antisemitismus die Ursache des Nahost-Konflikts und nicht umgekehrt. Aber fast jede historische Darstellung zeigt, dass diese Region vor dem Zionismus seine jüdischen Gemeinschaften gut (wenn auch untergeordnet) integriert hatte und dass rassistisches Gedankengut erst durch den Kontakt mit den Nazis vereinzelt aufkam. Und trotz ihres Widerstands gegen die jüdische Einwanderung waren die arabischen Diplomaten bis zur UN-Teilungserklärung 1947 bereit, die Einwanderer als Bürger in einem mehrheitlich arabischen demokratischen Staat zu respektieren.

Damit hätten sie mehr als Andere zur Lösung des europäischen Antisemitismus-Problems getan, dessen schreckliche Auswüchse sie bedauerten und dessen indirekte Opfer sie jetzt selbst wurden. Denn der Nahostkonflikt wurde vom europäischen Antisemitismus ausgelöst. Er erzeugte im nationalistischen Europa des 19. Jahrhunderts den Zionismus, der vom Holocaust enormen Auftrieb bekam. Und vor 1947 erkannten alle britischen und internationalen Untersuchungskommissionen sowie viele Zionisten, dass Zionismus nur mit Gewalt gegen die einheimischen Araber durchzusetzen war. Die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechts und die gewaltsame Vertreibung der Palästinenser dauert bis heute an – fast monatlich an der Veränderung der Landkarte und den sehr disproportionalen Opferzahlen abzulesen. Braucht es Antisemitismus, dass dies vor Ort und auch weltweit Kritik, Widerstand und leider auch Hass auf Israel auslöst? Das kann eigentlich nur Träumer verwundern.

Spricht Vielfalt Hohn

Der Öffentlichkeit (auch in Mannheim!) bleibt das Thema weitgehend vorenthalten, es wird (israelischen Vorgaben folgend) als antisemitisch entsorgt. Und die deutsche Erinnerungskultur reagiert – wichtig, aber kurzgegriffen – auf Naziverbrechen mit „nie wieder Gewalt gegen Juden“, statt gemäß dem Grundgesetz mit der Beachtung der unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte „als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft“ (also wohl auch des israelischen Herrschaftsbereichs).

Diese Doppelmoral macht auch jüdische und israelische Menschenrechtler fassungslos. Und sie spricht der in Mannheim hochgeschätzten Kultur der Vielfalt Hohn.

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Dieter Kattermann
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Info: Originalartikel "Wie sich Ahmad Mansour vom Antisemitismus befreit hat"

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