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Sorge um die Fernwärme

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Zum Artikel „Fernwärme bleibt heißes Thema“ vom 22. Juli:

Nun will MVV-Chef Müller das GKM schon 2030 stilllegen. Dabei kann er nach derzeitiger Planung gerade einmal die Hälfte der dort erzeugten Fernwärme ersetzen. Außer er lässt zwei gasbefeuerte Zusatzheizkessel bauen. Deren Kosten und die dann verlorene KWK-Förderung würden den Fernwärmepreis verdoppeln. Dazu kommt, dass Windräder und Erdwärmekraftwerke in der Region aus bekannten Gründen zum Scheitern verurteilt sind.

Die MVV wird aus heutiger Sicht gerade eben die Region mit Haushaltsstrom versorgen können. Die regionale Industrie und die Deutsche Bahn werden abgehängt und müssen Strom importieren. Auch bundesweit gesehen segelt der MVV-Chef einen realitätsfremden Kurs. Der meiste Strom wird in Deutschland aus Wind- und Sonnenenergie erzeugt. Selbst wenn Anlagen und Netze dafür ausgebaut werden, treten hierzulande zwei Lücken auf: Die eine nachts, wenn in lauen Sommernächten beide Energiearten praktisch ausfallen und der Nachtstrom durch fossile Kraftwerke, Stromimporte und Pumpspeicher erzeugt werden muss.

Lücke in der Dunkelflaute

Die zweite Lücke entsteht ganztags während Dunkelflauten, die – wie im Januar 2017– bis zu zwei Wochen anhalten können. Wenn dann Kohle- und Kernkraftwerke abgeschaltet sind, würden tagsüber rund 50 Gigawatt an Leistung fehlen, denn Stromspeicher wären nach wenigen Stunden leer. E-Autos und Wärmepumpen werden den Leistungsbedarf künftig um mindestens zehn Gigawatt steigern. Also müsste künftig eine Lücke von rund 60 Gigawatt witterungsunabhängig abgedeckt werden, am besten durch gasbefeuerte flexible Heizkraftwerke.

Das wären dann 120 neue Kraftwerksblöcke in den nächsten 17 Jahren. Diese würden nicht nur das Stromnetz stabilisieren, sondern auch weiterhin die bestehende Fernwärmeversorgung absichern. Sie können mit Erdgas und zunehmend mit Biogas sowie mit „grünem“ Wasserstoff betrieben werden. Zwei Blöcke dieser Art wären im GKM bestens aufgehoben und würden dort Arbeitsplätze sichern.

MVV-Chef Müller und sein Technik-Vorstand Roll informierten die Stadträte über die Zukunft der Fernwärme und des GKMs. „MM“-Redakteur Martin Geiger hat die Ergebnisse dieses Gesprächs in eine einfache Sprache übersetzt. Aufgrund der Klimabeschlüsse der EU, der Bundesregierung und dem Urteil des BVG geht Herr Müller davon aus, dass das GKM bereits 2030 „nicht mehr da sein wird“, obwohl man davon ausgehen kann, dass nach Abschaltung von Block II des AKWs Neckarwestheim das GKM über Jahre hinweg systemrelevant für die Stromversorgung bleiben wird.

Heizkraftwerk spielt keine Rolle

Zudem stellt sich auch die Frage, wo die 270 MWel für den Einphasenbahnstrom herkommen sollen? Wahrscheinlich fährt die Bahn dann angebotsorientiert – nur wenn Strom im Netz zur Verfügung steht. Das GKM ist unter anderem auch der größte Gipsproduzent in Baden-Württemberg. Als Ersatz für die wegfallende Fernwärmeproduktion sollen dann die Müllverbrennungsanlage auf der Friesenheimer Insel dienen, die ja laut Müller „grüne (CO2-freie)“ Fernwärme liefert, und das Biomassenkraftwerk. Die sonstigen genannten Ersatzlösungen, Flusswärmepumpe, Geothermie Anlagen und so weiter, die kleinere Leistungen im 20 MW Bereich beitragen könnten, klingen eher unrealistisch.

Am meisten hat mich aber erstaunt, dass bei diesen Gesprächen, der von der MVV vor einigen Wochen im „MM“ angekündigte Bau eines mit Öl oder Gas befeuerten Heizkraftwerkes im Rheinauer Hafen, mit einer Leistung von 300 MW, anscheinend keine Rolle mehr spielte.

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Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3lpnJee 

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