Neubau der Sparkasse Immer größer statt "weniger ist mehr"

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Zum Artikel „Sparkasse plant eine Stadtoase“ vom 19. Mai:

Die Fassade, und somit das Erscheinungsbild der neu geplanten Stadtsparkasse ist in ihrer Form, geschachtelter Geschossbau, wie die angrenzenden Bauten der 50er Jahre, ohne architektonische Feingliedrigkeit und Raffinesse. Diese gewählte Gestaltung ist ein Rückschritt gegenüber der 1980 von Prof. Striffler gestalteten Fassade, die ein elegantes harmonisches Zusammenspiel von Glas, Naturstein und Edelstahl ausstrahlt. An dieser wichtigen Schnittstelle der Stadt wurde verpasst, hochwertige Gestaltung einzufordern. Statt Aufbruchstimmung Rückkehr zur Biederkeit.

Werner Gansler, Mannheim

Bekanntlich steckt Wahrheit in der Redewendung „weniger ist mehr…“ Nicht so in Mannheim, wenn es darum geht, bestehende Gebäude zu „entsorgen“ und durch immer großartigere Bauwerke zu ersetzen. Gern sieht man in der Stadtverwaltung, wenn Unternehmen diese Vorhaben realisieren. Die haben quasi freie Hand, dürfen dabei Klimaverantwortung missachten, zumindest minimieren. Nicht genug damit, dass das bestehende SWR-Gebäude angeblich nicht mehr den heutigen Anforderungen entspricht. Es wird nicht etwa die Option Sanieren oder Anpassen ins Auge gefasst, nein, Besseres muss her.

An anderer, angeblich repräsentativer Lage werden neue Klötze gebaut, direkt in den sogenannten Grünzug Mannheims. Frischluftschneise? Vergiss es! Alibimäßig werden noch Wohnungen und eine Kita dazu gedrängt (Spielen im schattigen Innenhof). Und das alles an riesigen Straßen mit 24-Stunden-Lärm-Garantie.

Jetzt kommt die Sparkasse mitten in der Innenstadt dran. Nicht etwa die Überlegung: aus alt mach neu! Nein, abreißen und klotzen! Wieder mal wird noch größer als bisher gebaut, obwohl doch immer mehr Bankangestellte durch das den Kunden „aufgezwungene“ Onlinebanking ersetzt werden. Seit Corona weiß man außerdem, dass Homeoffice eine Alternative bietet. Warum also immer größer ausufernde (Büro-)Bauwerke?

Um es in meiner Jugendsprache (lang, lang ist’s her) auszudrücken: Welchen sittlichen Nährwert soll das also haben? Mehrwert hätte es aus meiner Sicht gebracht, das Gebäude weiter in den Hintergrund zu setzen und stattdessen eine großzügige Grünfläche vor das Bauwerk zu schaffen, damit sie das Auge erfreut und wertgeschätzt werden kann. Der gleiche Architekt wie beim SWR plant Grün, allerdings nur im Innenhof, für Innenstadtbesucher am Paradeplatz unsichtbar, ebenso wie der putzige Grünstreifen auf dem Dach (der ist ja möglicherweise auch nur für ausgesuchte VIPs gedacht?).

Wieso muss eigentlich nicht das ganze Dach begrünt werden? Und wieso wird die Fassadenbegrünung nicht auch außen zur Straße und zum Paradeplatz hin eingeplant? Vorbild ist da doch die herrliche blühende Fassade des Parkhauses in N 2 mit ihrem allmorgendlichen Vogelgezwitscher. Baubürgermeister Eisenhauer und Stadtplaner Ellinger sind jedoch begeistert ob dieser doch aus meiner Sicht eher langweilig, eintönig und unpersönlich starr daherkommenden Fassadenoptik des neuen Sparkassen-Projekts.

Könnte es vielleicht daran liegen, dass es doch wunderbar vom eigenen Missmanagement ablenkt, denn die Fassade der eigenen Baudezernat-Unterkunft ist unterste Schublade. Seit Jahren verschleudern wir Mannheimer hierfür monatlich 75 000 Euro mit unseren Steuergeldern für eine Fassadenverkleidung der besonderen Art am dahinsiechenden zerbröselnden Collini-Center. Das sind inzwischen satte zwölf Millionen Euro. In diesem Fall steht „Brutalismus“ wohl nicht nur für den ursprünglichen Baustil des Bauwerks, sondern auch für den sträflichen Umgang Verantwortlicher mit Allgemeingut. Verantwortung wird hier mit Füßen getreten, Nachhaltigkeit geht anders.

Angela Wolf, Mannheim

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3fMjiWv

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