Es gibt noch viel zu tun

Lesedauer

Zum Artikel „Kein Arbeitskreis Kolonialismus“ vom 9. Dezember:

Laut Kulturbürgermeister Michael Grötsch ist die Rückgabe der „Bestände aus ehemals deutschen Kolonien in Afrika“ schon beschlossen. Das ist eine sehr erfreuliche Nachricht. Den Beschluss selbst konnte ich nicht finden. Die Reiss-Engelhorn-Museen (rem) wurden 2021 durch die damalige Staatsministerin Grütters explizit eingeladen, sich der „Erklärung zum Umgang mit den in deutschen Museen und Einrichtungen befindlichen Benin-Bronzen“ zu beteiligen.

Die rem erklärten sogleich, der Beitritt bedeute keinesfalls die sofortige Rückführung der Benin-Bronzen. So beruhigt fasste der Gemeinderat den Beschluss, sich der Erklärung anzuschließen. Nun ist das ehemalige Königreich Benin nicht Afrika und die sogenannten Benin-Bronzen stammen nicht aus der deutschen Kolonialherrschaft.

In den rem lagern Zehntausende Kulturgüter aus allen Erdteilen der Welt und aus allen deutschen Kolonien in Afrika wie beispielsweise Kamerun, Tansania, Namibia und Togo, die unter der gewaltsamen Kolonialherrschaft zum Teil direkt im Auftrag der Mannheimer Geschäftswelt unrechtmäßig angeeignet wurden. Bereits 2013 formulierten die rem ihr Ziel: „Die Sammlungen der rem sind als kulturelles Erbe ... erweitert, nach konservatorischen Gesichtspunkten bewahrt, wissenschaftlich erforscht, der Öffentlichkeit vermittelt und präsentiert.“

Nach wie vor liegen die Kulturgüter aus den ehemaligen Kolonien in Depots und werden nicht mehr gezeigt. Und sonst? Kann man Herrn Nieß zustimmen, dass zunächst eine wissenschaftliche Aufarbeitung „der Geschehnisse“ stattzufinden habe, bevor über Folgen und Art der Erinnerung gesprochen werden darf?

Der Mannheimer Gemeinderat hat sich in den letzten zehn Jahren bis 2019 überhaupt nicht mit dem Thema befasst, obwohl Mannheim als Handelszentrum in Südwestdeutschland personell und ökonomisch massiv am Unrechtssystem Kolonialherrschaft beteiligt war. Der Reichtum Mannheimer Fabrikanten und Bankiers von Engelhorn bis Böhringer, Scipio, Reiss, Lanz und so weiter basierte unter anderem auf dem Raubbau der Ressourcen und Zwangsarbeit in den Kolonien. Erst mit Erstarken der Black-lives-matter-Bewegung und nicht zuletzt durch ehrenamtliche Aktivitäten wie vom Arbeitskreis Justiz, Industriekultur, Black Academy und Kolonialgeschichte Mannheim kamen diese Themen überhaupt zur Sprache.

Es gibt also noch viel zu tun. Das muss nicht in einem Beirat stattfinden. Wenn sich Gemeinderat und die Institutionen der Stadt, Schulen und sonstige Bildungsträger nun aktiv für Dekolonisierung in allen Strukturen engagieren, ist das ein großer Fortschritt.

Versandform
Von
Margarete Würstlin
Ort
Mannheim
Datum

Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3Zb0rdx

Mehr zum Thema

Debatte Wie hat Corona unseren Umgang mit Trauer verändert?

Veröffentlicht
Mehr erfahren