Leserforum

Ergehen uns in Selbstzerfleischung

Von 
Leserbrief-Schreiber: Walter Brecht
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Zum Artikel „W wie Wilhelm, Wiesbaden oder was?“ vom 20. April:

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Der Nordpol ist NS-belastet. Nun haben wir also die Wurzel allen Übels erkannt. Ich habe über 40 Jahre dienstlich mit dem Buchstabenalphabet gearbeitet und mir ist nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, dass vielleicht K wie Kevin statt Konrad, oder C wie Castrop-Rauxel statt Cäsar besser wäre. Dieser Scherz hat sich mir aufgedrängt.

Zum ernsten Teil. Ich sehe das Problem mit dem Buchstabenalphabet nicht. Jeder Vorname ist im Laufe der Jahrtausende durch irgendeinen bösen Menschen belastet. Aber wir Deutschen ergehen uns wieder in Selbstzerfleischung, sehen hinter jedem Mohrenkopf nicht eine positiv besetzte Kindheitserinnerung, sondern einen Anschlag auf den afrikanischen Kontinent. Jedes Zigeunerschnitzel ist nicht eine kulinarische Köstlichkeit, sondern ein rassistischer Anschlag auf eine Minderheit. Es gibt Serienmörder mit Namen David (Berkowitz). Samuel (Kunz) war ein NS-Kriegsverbrecher. Und das war das Ergebnis von nur zwei Minuten Recherche.

Ich bin es einfach leid, ständig für Verbrechen herangezogen zu werden, die vor nunmehr 76 Jahren zu Ende gegangen sind. Ich bin Jahrgang 57, mein Vater war 15 bei Kriegsende. Natürlich dürfen sich die Verbrechen von damals nicht wiederholen, aber geben das Institut der Normer und Herr Blume mit solchen überflüssigen Änderungen nicht genau jenen Argumente, die die Verbrechen der Nazis kleinreden? Mir ist nur ein erfolgreicher Fall von Verdrängung durch Namensänderung bekannt. Siehe SED zu PDS und zu Die Linke. Walter Brecht, Mannheim

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Info: Originalartikel unter https://bit.ly/3vbE4Fk