Das schreiben Leser über NTM-Intendanten Holtzhauer

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Leserbrief-Schreiber: Johannes Hauber
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Zum Artikel „Druck auf Intendant Holtzhauer“ vom 27. Januar und zum Interview „Wir sind gegen jede Art von Antisemitismus“ vom 30. Januar:

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Beim Streit um die Unterschrift des NTM-Intendanten Holtzhauer unter die „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ geht es im Kern nicht um Antisemitismus – der ohne jeden Zweifel zu bekämpfen ist, wie alle andern Formen von Rassismus. Es geht auch nicht um „ein rohes Ei: Israel und die Juden“, wie der Autor des Artikels schreibt. Das Thema sowohl der palästinensischen gewaltfreien BDS-Initiative als auch ihrer Gegner ist die Politik der israelischen Regierung und ihr Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung.

Mannheims Schauspielintendant Christian Holtzhauer im Foyer des Nationaltheater Mannheim am Goetheplatz. © Christian Kleiner

Stefan Dettlinger findet die richtigen Worte: Mit der „Keule des Antisemitismusvorwurfs, der keine Gegenwehr zulässt“ wird hierzulande versucht, Kritiker mundtot zu machen. Es ist ein bislang in der Bundesrepublik Deutschland einmaliger Vorgang, dass kritische Äußerungen an der Regierungspolitik eines anderen Staates unterdrückt und nicht durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit geschützt werden. Kritik an der völkerrechtswidrigen Besatzung Palästinas muss auch in Deutschland möglich sein und entschiedener Widerstand gegen den Abbau zentraler demokratischer Rechte auch! Die israelische Zeitung Haaretz brachte die Diskussion in Deutschland in einem Artikel vom 10. Dezember 2020 auf den Punkt: „In Deutschland wütet eine Hexenjagd gegen Israel-Kritiker. Kulturschaffende haben die Nase voll.“

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages bezeichnet die Bundestagsresolution zu BDS nicht als „echten“, sondern als „schlichten Parlamentsbeschluss“, der keine gesetzliche Wirksamkeit hat und stellt fest, dass nach diesem Beschluss Eingriffe in die Meinungsfreiheit erfolgen können. Weiter heißt es: „Er ist nicht auf der Basis einer spezifischen rechtlichen Regelung ergangen und hat daher keine rechtliche Bindungswirkung für andere Staatsorgane. Der Beschluss stellt eine politische Meinungsäußerung im Rahmen einer kontroversen Debatte dar.“ Wer Herrn Holtzhauer wegen seiner Unterschrift unter die „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ angreift, setzt sich in offenen Widerspruch zur „Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt“, nach der ein respektvolles Miteinander gestärkt und den unterschiedlichen Formen von Diskriminierung entgegengewirkt werden soll.

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„Kauft nicht bei Juden!“ – Wie schlimm, dass man das heute nicht mehr aussprechen darf, weil der freie demokratische Austausch durch eine Gesinnungsprüfung verengt werde. Dieses in sich bereits antisemitische Märchen der Diskurskontrolle (nach der Phrase „was mal gesagt werden muss“) ist ernsthaft die Auffassung des NTM-Intendanten Holtzhauer, der mit seiner blauäugigen Unterzeichnung der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“, die die Israel delegitimierende BDS-Bewegung für diskursfähig erklärt, zur Zeit Mannheim beschämt. Dieser Fehler wird durch die ungeschickliche journalistische Aufarbeitung des „MM“ leider noch ein Stückchen größer, als er ohnehin schon ist. Dort gibt man Holtzhauer, unter anderem am Holocaust-Gedenktag, tagelang ausgiebig Raum, um seine in sich höchst widersprüchliche Sicht eloquent auszubreiten, während gewichtige Gegenstimmen nur äußerst randständig zu Wort kommen und überempfindlich oder haarspalterisch erscheinen.

Am schlimmsten ist jedoch, dass man es nicht für geboten hält, den Lesern und Leserinnen knapp zu erläutern, wieso und vor welchem Hintergrund der BDS in einem breiten Konsens als antisemitisch abgelehnt wird. Und so bemüht Holtzhauer unwidersprochen einen rhetorischen Taschenspielertrick nach dem anderen, statt die Größe zu besitzen, den Fehltritt einzugestehen, etwa wenn man – leider – „Missverständnissen“ im Vorfeld nicht hinreichend begegnet sei. Am Ende bleiben nicht nur viele, sondern wirklich sämtliche Fragen offen: Wie kann man sowohl die Methoden und Fantasien des BDS „ausdrücklich ablehnen“, diesen aber dennoch für diskursfähig halten? Wieso ist der BDS in der Klärung „wichtige[r] gesellschaftliche[r] Fragen“ unbedingt zu hören? Wieso sei „das Thema“ (Herrje, was ist denn überhaupt „das Thema“?) zu wichtig, um davon „die Finger wegzulassen“?

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Da hat der „MM“ eine journalistische Glanzleistung vollbracht: Pünktlich zum Internationalen Holocaustgedenktag am 27. Januar thematisiert der Kulturjournalist Stefan M. Dettlinger die Unterschrift des Mannheimer Schauspielintendanten Christian Holtzhauer unter den Appell der Initiative „GG 5.3 Weltoffenheit“. Auf der ersten Seite wird der Opfer des Holocaust gedacht, im Kulturteil wird die antisemitische BDS-Bewegung als Gesprächspartner gefordert. Kritikern der Unterstützung dieser Initiative wird vorgeworfen, an Tabus festzuhalten, Bedingungslosigkeit einzufordern und die Antisemitismuskeule zu schwingen. Christian Holtzhauer argumentiert, er sei gegen den Boykott von Israel, man müsse aber mit den Protagonisten der BDS-Bewegung ins Gespräch kommen können.

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Für was steht die Abkürzung BDS? Sie steht für Boycott, Divestment and Sanctions (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen). Was für eine Logik ist es, die Kernanliegen von BDS abzulehnen, mit ihnen aber ins Gespräch kommen zu wollen, weil ansonsten angeblich die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt sei? Wer den Staat Israel als jüdischen Staat ablehnt und dies durch Boykott, Sanktionen und Nicht-Investitionen erreichen will, ist antisemitisch. Punkt. Da gibt es keinen Spielraum für Diskussionen. Antisemitismus ist keine Meinung! Die ursprünglichen Initiatoren und der heutige Kern der BDS- Bewegung hat das Ziel, Israel auszulöschen. Die Verbindungen der BDS-Bewegungen zu Terrororganisationen wie Hamas, Palästinensischer Islamischer Jihad und anderen Extremisten sind hinlänglich bekannt. Kennt Herr Holtzhauer diese nicht oder macht er die Augen davor zu?

Im Zuge der Austragung des European Song Contest (ESC) 2019 in Israel zeigte sich, dass sich die BDS-Bewegung selbst nicht zu schade ist, sich rechtsextremistischer Symbolik zu bedienen: Um die Austragung zu verhindern, verschandelte BDS das offizielle ESC-Logo mit Stacheldraht und SS-Runen (!). Bei dieser Symbolik sollte eigentlich jeder verstehen, welche Ideologie hinter BDS steht.

Auch beim zweiten Lesen der Reaktion von Frau Rita Althausen, der ersten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Mannheims, werde ich das Gefühl nicht los, dass die Dame etwas vergessen haben könnte. Kein Wort hat die erste Vorsitzende zur Besetzung des Westjordanlandes, der Golanhöhen und Ostjerusalem, die Gleichberechtigung arabisch-palästinensischer Bürger Israels verloren ... Schade. Geradezu absurd ist die Unterstellung von Frau Althausen, dass der Intendant des NTM die Existenzberechtigung Israels in Frage stellt.

NTM-Intendant Holtzhauer sollte seine Unterstützung für die Initiative GG 5.3 gut überdenken und seine Unterschrift zurückziehen. WDR-Intendant Tom Buhrow hatte 2017 diese Größe, die Zusammenarbeit mit dem BDS-Aushängeschild Roger Waters zu beenden – auch ohne die Anti-BDS-Resolution des Bundestages, die ja erst 2019 kam. Aber möchte Herr Holtzhauer nun stattdessen hier in Mannheim Waters Schweineballons mit aufgedrucktem Davidstern aufsteigen lassen? Oder dafür eintreten, dass am NTM Aktivisten freie Bahn haben dürfen, die Künstler unter Druck setzen, die in Israel auftreten?

Ich denke, das passt ganz und gar nicht zu Mannheims Nationaltheater und zu unserer Stadt. Wir hatten in den letzten Jahren mit Dan Ettinger einen israelischen GMD am NTM. Im Orchester und Ensemble gab und gibt es israelische Mitarbeiter. Seit 1984 besteht ein reger Schüleraustausch mit Haifa, der schließlich 2009 zur Städtepartnerschaft Mannheims mit der israelischen Stadt führte. Mannheim lebt den Austausch und die Zusammenarbeit mit Israel auf vielen Ebenen.

All dies sind Dinge, die der BDS-Bewegung erklärtermaßen ein Dorn im Auge sind und von ihr vehement bekämpft werden! Daher passt auch Holtzhauers Verweis auf Daniel Barenboim gar nicht. In dessen West-Eastern Divan Orchestra spielen doch Musiker aus arabischen Ländern zusammen mit israelischen Musikern; BDS dagegen boykottiert die Kooperation mit israelischen Künstlern mit aller Härte. Das ist einfach purer Antisemitismus, und wie der Zentralrat der Juden kürzlich hierzu bemerkte, ist „Antisemitismus keine Meinung“.

Die mit den Stimmen von CDU, SPD, FDP, Linken und Grünen angenommene Resolution des Bundestages von 2019 war absolut richtig: BDS ist antisemitisch. Dass unser Intendant Holtzhauer „nicht mit BDS sympathisiert“, wie er vom „MM“ nun zitiert wird, reicht nicht. Er sollte BDS ablehnen. Entschieden und öffentlich!

Gibt es eine Affäre Holtzhauer? Nein! Zugegeben, von „BDS“ und „GG5.3“ habe ich erst im „MM“ gelesen. Es gibt aber die Affäre ständigen Missverstehens oder -interpretierens. Ich wundere mich über die zahlreichen Aufregungen religiöser und politischer Mandatsträger, Herrn Holtzhauer betreffend. Klar ist, die Staatsräson zum Existenzrecht Israels ist unantastbar! Im Kleingedruckten finde ich aber keinen Hinweis darauf, dass zum Beispiel fremde Gebiete für immer mit Waffengewalt okkupiert bleiben müssen und widerrechtlich bebaut werden sollen, und dass deren Bewohner permanent schikaniert gehören. Kritik und Ablehnung gilt natürlich auch den Anderen, die unablässig Hass und Gewalt über Israel gießen, hierzulande von tumben Mitläufern gern beklatscht. Mit Kritik an Israel ist für mich die Administration gemeint.

Judentum ist Judentum. Seit Jahrtausenden. Wird es immer bleiben. Israel wird sich jedoch ändern (müssen). Es kann sich mit noch so vielen neuen arabischen Urlaubsregionen verbünden. Freunde werden sie nicht, bevor nicht das Palästinaproblem gelöst ist. Deutschland und Polen haben sich arrangiert, Frankreich und Deutschland sich vom Erbfeind gelöst. Palästinenser und Israelis müssen auf neue, friedvolle, objektive, kompromissbereite, nicht nachtragende, ehrliche Generationen setzen. Der gescholtene Herr Barenboim macht es vor.

Es wird dauern, lange dauern. Aber auf beiden Seiten wachsen Kinder heran, die es einmal satthaben werden, dass sich immer noch alles in einem Strudel dreht. Es wird keine Zwei-Staaten-Lösung geben. So absurd es klingt: Am Ende muss ein Staat aus Israelis und Palästinensern wachsen. Mit der Hauptstadt Jerusalem. Mit Jerusalem als offene Stadt für alle Religionen. Die Regierung wird vom Volk frei gewählt. Posten werden nicht nach Gusto, sondern nach Kompetenz vergeben. Und da ich davon ausgehe, dass es unter Muslimen und Juden auch solche gibt, die eher säkular eingestellt sind, werden Mischehen bald ganz normal sein. Umliegende Länder, Gegner, sind erstaunt: Ein blühender Garten Eden! Ein sanfter Hauch von der Negev streicht auch über sie; die verwundert denken: Die sind ja glücklich! Könnten wir auch eigentlich ...

Info: Originalartikel unter http://bit.ly/3cBcZVO http://bit.ly/36Bm3Gg