Wichtige Wahrheiten

Marc Stevermüer zieht eine deutsche WM-Bilanz

Von 
Marc Stevermüer
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Wenn die deutsche Handball-Nationalmannschaft zu einem Turnier fährt, hat das seit Jahren etwas von Popcorn für das ganze Volk. Menschenmassen sitzen normalerweise vor den Fernsehern und fiebern mit dem Team, das stets zu den Medaillenanwärtern gehört. In diesem Jahr waren die Einschaltquoten gemessen an vorangegangen Turnieren nicht gut. Spiele zur besten Sendezeit in ARD und ZDF erhält dennoch keine andere Sportart neben dem Fußball, was den Status des Handballs als Teamsportart Nummer zwei in Deutschland unterstreicht – auch wenn die Mannschaft weit von einer Medaille entfernt war.

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Der Hauptrunden-K.o. kam allerdings nicht überraschend, es wäre deshalb falsch, vom großen Scheitern zu sprechen. Die deutsche Auswahl zeigte vielmehr das, was mit diesem Team erwartbar war. Nicht weniger. Aber auch auf keinen Fall mehr, weshalb Rang zwölf das Potenzial dieses dezimierten Kaders bei allem Engagement sehr gut widerspiegelt. Denn manch einer erreichte dann doch sein Leistungslimit.

Es gibt Unersetzbare

Im Mittelblock mussten mit Johannes Golla und Sebastian Firnhaber die Nummer vier und fünf ran. Der Flensburger Golla, das zeichnet sich ab, hat eine gute Zukunft in diesem Team vor sich. Aber noch nicht in einer Führungsrolle, die er diesmal übernehmen musste. Beim 26-jährigen Firnhaber – so ehrlich und kritisch muss man sein – ist es hingegen kein Zufall, dass er erst jetzt sein DHB-Debüt feierte.

Bundestrainer Alfred Gislason wusste um diese Probleme und die überschaubaren Erfolgsaussichten. Und doch hatte das Turnier seinen Wert für ihn. Der Isländer konnte die WM entspannt angehen und gewann wertvolle Eindrücke mit Blick auf den Jahres-Höhepunkt: das olympische Turnier, für das sich die DHB-Auswahl aber noch qualifizieren muss. Die wichtigste Wahrheit: Ohne den weltbesten Innenblock mit Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek sind die Deutschen kein Halbfinal-Anwärter.

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Außerdem dürfte Gislason die kaum erfüllten Erwartungen vermeintlicher Leistungsträger wie Torwart Andreas Wolff und Julius Kühn auf der Halbposition registriert haben. Bei Wolff sei strafmildernd angemerkt, dass ihn die Abwehr mehrfach im Stich ließ. Bei Kühn wiederum wartet man seit langer Zeit auf eine große Leistung in einem großen Spiel, in einem großen Turnier. In Ägypten zeigte er sie nicht, obwohl Philipp Weber das Offensivspiel gut lenkte. Der Leipziger ist zweifelsohne ein Gewinner des Turniers, ein anderer könnte Sebastian Heymann sein. Obwohl er gar nicht in Nordafrika dabei war.

Der 22-Jährige verzichtete auf die WM nach langer Verletzungspause, er ist ein ähnlich wurfgewaltiger Spieler wie Kühn. Noch dazu kann der Göppinger im Gegensatz zu Kühn im Mittelblock decken, was ihn so interessant für Gislason macht. Denn in Tokio darf der Kader nur 14 statt der diesmal erlaubten 20 Spieler umfassen. Flexibel einsetzbaren Profis wie Heymann verschafft das einen Vorteil.

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Der Bundestrainer weiß das, er steht entsprechend vor schwierigen Entscheidungen. Die eine oder andere dürfte ihm nun leichter fallen. Denn es gab ja gewiss nicht nur Gewinner in Ägypten.

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