Wankende Werte

Jörg-Peter Klotz sieht die gesellschaftlichen Errungenschaften der „Drei Tage Liebe, Frieden und Musik“ von Woodstock bedroht

Von 
Jörg-Peter Klotz
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Tim Robbins hat im Jahr 1992 eine Filmsatire gedreht, in der er eine Art Anti-Bob Dylan spielt: Der Titelheld in „Bob Roberts“ ist nicht nur ein erzkonservativer Senatskandidat, der wie eine Blaupause für US-Präsident Donald Trump wirkt. Er tritt auch vor Massen von Menschen als fast rechtsextremer Folksänger auf, der in eingängigen Liedchen die Todesstrafe für Drogenhändler fordert oder die Parole ausruft: „Times Are Changing’ Back“ (Die Zeiten ändern sich zurück).

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Das ist der genaue Gegenentwurf zu „The Times They Are a-Changin’“ (Die Zeiten ändern sich). Dylans Protestsong aus dem Jahr 1964 war eine der Hymnen der globalen Gegenkultur, die am 15. August 1969 beim Woodstock-Festival scheinbar unumkehrbar die Weichen auf mehr Freiheit, Frieden und Liebe gesetzt hat.

50 Jahre später wanken diese Werte spürbar. Die Uhr, die in westlichen Gesellschaften immer weiter Richtung mehr Liberalität, Demokratie, Menschlichkeit und Toleranz zu laufen schien, ist an vielen Stellen zurückgedreht worden. Nicht nur von Trump, den viele nicht ganz grundlos als Rassisten brandmarken, welcher sich schwertut, Neonazi-Aufmärsche oder Polizeigewalt gegen Afroamerikaner zu verurteilen, und über Frauen in einer Art redet, dass selbst Gangster-Rapper sich diesen Ton verbitten. Aber der Präsident hat fast das halbe US-Wahlvolk hinter sich. Vergleichbare Populisten haben ähnlichen Zulauf.

Starke Gegen-Gegenkultur

Die Woodstock-Besucher, die Bürgerrechtsbewegung und die Anti-Vietnam-Demonstranten haben auch nie die ganze Nation repräsentiert. Das haben die wunderbaren Bilder von der Harmonie zwischen einer geschätzten halben Million Gleichgesinnter, die im August 1969 fröhlich und friedlich an einer Katastrophe vorbeifeierten, stets überstrahlt. Ähnlich wie die 1968er-Bewegungen in Deutschland oder Frankreich standen sie für eine relativ gut ausgebildete, kreative und in den Medien gut wahrnehmbare Minderheit. Eine klassische Avantgarde, die ihre Zeit prägt. Die politisch weit weniger mobilisierte Mitte war und ist in der – schweigenden – Überzahl.

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Heute macht sich quasi eine Gegen-Gegenkultur zur Generation Woodstock lautstark bemerkbar: In den USA sind das Waffennarren, Rassisten, isolationistische Patrioten und vor allem Modernisierungsverlierer abseits der Metropolen oder Universitätsstädte. Paradox: Viele dieser Leute fürchten die Folgen genau jener Digitalisierung, die ihnen via Internetmedien überhaupt erst zu einer vernehmlichen Stimme verholfen hat. Davor stand der Schritt der Selbstvergewisserung als Gruppe. Nach dem Motto „Da draußen gibt es ja Massen, die so denken, wie ich.“Dasselbe passierte den Hippies im Jahr 1969 durch Woodstock und half damals, eine verkrustete Gesellschaft weiter aufzurütteln.

Plädoyer für Humanismus

Das in den 1960ern verhasste Establishment aus Politik, Wirtschaft und Militär wird heute für viele Menschen auch von Journalisten, Komikern, Film- und Musikmillionären verkörpert. Sich mit Bruce Springsteen, Bon Jovi oder Jay-Z zu schmücken, hat Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton im Wahlkampf wenig geholfen. Eher im Gegenteil. Die Symbiose mit öffentlichkeitswirksamer Popkultur ist zurzeit nicht zielführend. Kein Wunder, dass in der aktuellen Stimmungslage das Jubiläumsfestival „Woodstock 50“ scheiterte.

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Schwer vorstellbar ist auch eine Wiederholung des „deutschen Woodstock“ von 1986, als 100 000 Menschen im oberpfälzischen Burglengenfeld auf dem Anti-WAAhnsinns-Festival gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf demonstrierten. Mit BAP, Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg oder den Toten Hosen standen da Akteure auf der Bühne, die sich bis heute mit den Inhalten grün-linksliberaler Politik identifizieren. „Grün-linksversifft“ heißt das heute im anderen Lager.

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Dass Humanismus die Oberhand über solche Häme, Hass, In-toleranz und nationalistische Egozentrik behalten muss, sollte die dauerhafte Lehre aus Woodstock sein. Im Interesse einer funktionierenden (Welt-)Gemeinschaft. Die nächste „Generation Woodstock“ wird sich wohl kaum nochmals bei einem zentralen Großereignis formieren. Das hat unter anderem die mangelnde Nachhaltigkeit von „Live Earth“ im Jahr 2008 gezeigt. Sie könnte eher auf der Straße entstehen, etwa aus der „Fridays for Future“-Bewegung. Auch die deutschen Youtube-Sternchen um Rezo haben angedeutet, wo Mobilisierungspotenziale liegen, um von Parteiensystemen vernachlässigte Konfliktlinien aufzunehmen oder aufzulösen.

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion