Vor allem eines fehlte: Der Applaus

Stefan Proetel über den digitalen Neujahrsempfang der Stadt Mannheim in Zeiten der Coronavirus-Pandemie.

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Stefan Proetel
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Wenn es eines Bildes bedarf, das die Situation auf den Punkt bringt, ist es dieses: Das Licht im Mozartsaal geht an, auf der Bühne steht Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) mit dem Rücken zu den leeren Rängen. Sonst sitzen an jedem 6. Januar rund 2000 Menschen im Saal, schieben sich über den Tag verteilt 10.000 durch den Rosengarten. Der Neujahrsempfang der Stadt Mannheim ist ein außergewöhnliches Fest, ein Ort des Austauschs, der Beziehungen, Bekanntschaften, Begegnungen, eine Ideenbörse. Er ist somit immer auch ein guter Gradmesser für die Stimmung der Bürger und damit in der Stadt.

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Nach der Stimmung zu fragen, ist derzeit wenig zielführend – zu gravierend sind die gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Dafür stellt sich umso mehr die Frage, welche Antworten die Stadt auf die Krise gibt. Das gilt für die großen Linien und Themen wie Finanzen, Um- und Durchsetzen akuter Maßnahmen oder Anpassen strategischer Ziele. Im viel Kleineren geht es aber beispielsweise auch darum, welches Angebot das Rathaus seinen Bürgern macht, wenn ein klassischer Empfang nicht möglich ist. Die knapp 90 digitalen Minuten von Sonntag mit dem stundenlangen „analogen“ Fest sonst zu vergleichen, wäre unfair. Aber auch sie vermitteln wichtige Erkenntnisse, so im Gespräch mit ZI-Chef Andreas Meyer-Lindenberg oder in der reflektierten Rede des Oberbürgermeisters. Ein wichtiger Aspekt: das Potenzial der Städte, Krisen nicht nur irgendwie zu bewältigen, sondern sogar Kraft daraus zu schöpfen. Was Kurz richtigerweise betonte: Auch die Bürger müssen ihren Beitrag leisten, um Urbanität als Antwort auf Verunsicherung oder Pessimismus zu bewahren.

Dass viele Mannheimer Großartiges leisten, zeigte wieder die Auszeichnung von Ehrenamtlichen. Den Vertretern der Projekte hätte man nur allzu gerne das gewünscht, was sie als Dankeschön ihrer Mitmenschen so verdient hätten: noch mehr Rampenlicht und lauten Applaus in einem voll besetzten Saal.

Chefredaktion Ressortleiter Lokales/Regionales und Mitglied der Chefredaktion