Viel blinder Aktionismus

Claudio Palmieri zu den Forderungen nach einer EM-Absage

Von 
Claudio Palmieri
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Sie ist eine der wenigen prinzipiell schönen Ideen, die von Michel Platinis Ära als UEFA-Boss bleiben wird: eine Fußball-EM in ganz Europa, ganz nach dem Traum von einem geeinten europäischen Kontinent. Eine Vorstellung, die der später zurückgetretene Franzose vor der Turniervergabe 2012 gerne aufgriff – genauso wie seine Überzeugung, eine paneuropäische EM werde weniger Kosten nach sich ziehen, weil die Infrastruktur an den Spielorten ja schon bestehe.

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Das macht gleich zwei Argumente, die schlecht gealtert sind. Denn nicht nur Greta Thunberg und Co. lassen grüßen. Auch das Coronavirus stellt alle, die Platinis Erbe jetzt verwalten müssen, vor eine Herkulesaufgabe – nicht zuletzt, weil in dessen Amtszeit die Aufstockung der EM auf 24 Mannschaften fällt. Die Verlegung des Turniers in ein einziges Land ist dadurch noch schlechter umsetzbar. Hinzu kommen Reiserouten, die zum Beispiel die Teams der Gruppe A von Rom nach Baku führen – mit oder ohne Fans im Schlepptau.

Zu Platinis Verteidigung sei angemerkt: Eine Pandemie vom aktuellen Ausmaß ist ein Szenario, das die wenigsten Menschen auf dem Schirm hatten, schon gar nicht 2012. Auch hätte sich die UEFA im Frühling 2020 für eine Neuvergabe entscheiden können. Sie sah vor allem aus einem Grund davon ab: Das Zwölf-Länder-Turnier war schon damals weitestgehend startklar.

Womit wir wieder bei Platini landen. Seine Argumentation könnte jetzt doch greifen – zumindest, solange die vage Hoffnung auf eine kontrollierbare Infektionslage nicht in ein europäisches Superspreader-Event mündet. Die Vorsicht, mit der die UEFA, der DFB und Spielorte wie München vorgehen, gibt Anlass zur Annahme, dass es nicht so kommen wird.

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In den Forderungen nach einer Absage schwingt jedenfalls viel blinder Aktionismus mit. Denn genauso wenig wie die EM-Organisatoren von vollen Stadien ausgehen können, kann momentan niemand seriös abschätzen, wie das Pandemiegeschehen im Juni aussehen wird. Und: Absagen, verlegen oder kleiner fahren lässt sich das Turnier im Zweifelsfall auch nach der UEFA-Deadline am 5. März. Wären die Januar-Fallzahlen der Maßstab, erschlösse sich übrigens nicht, warum Deutschland als alleiniger Gastgeber ins Spiel gebracht wird.

Freier Autor Geboren 1987 in Viernheim. Aufgewachsen in Bürstadt. Lebt in Mainz. Seit 2009 freier Mitarbeiter in den Redaktionen Sport, Lokales (Bürstadt/Biblis/Lampertheim), Online, Kultur. Spezialgebiete im Sport: Eintracht Frankfurt, SV Waldhof, Fußball, American Football, Tischtennis, Judo, Basketball (Albert-Schweitzer-Turnier). Online: Social Media und der DEL-Liveticker. Weitere Autorentätigkeiten unter anderem für das ZDF und 11 FREUNDE.