Vertrauen verspielt

Alexander Jungert zum Führungswechsel bei SAP

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Alexander Jungert
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Genauso überraschend, wie Jennifer Morgan an die Spitze von SAP gerückt ist, verschwindet sie nun wieder. Nach nur einem halben Jahr hört Morgan auf. Als Zeitenwende ist die Doppelspitze mit Christian Klein gepriesen worden. Die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns, an ihrer Seite der jüngste Vorstandsvorsitzende. Was bleibt, ist ein kurzes Intermezzo.

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„SAP benötigt eine klare Führung“, sagt Klein selbst. Seine Worte sind ein Eingeständnis dafür, dass es diese in den vergangenen Monaten nicht gegeben hat. Klein umschreibt die Lage als „nicht perfekt“. Deutlicher ausgedrückt: Die Doppelspitze ist gescheitert. Auch andere Konzerne könnten dadurch abgeschreckt werden, galt SAP doch bisher als Vorbild moderner Führungsstrukturen.

Warum sich der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende Hasso Plattner für Klein als alleinigen Chef eingesetzt hat, wird die Öffentlichkeit wohl nie erfahren. Der Aufsichtsrat muss für Konstanz im Spitzenmanagement sorgen, davon ist der Konzern zurzeit meilenweit entfernt. SAP hat eine Menge Vertrauen verspielt. Zuerst sollte das mutige Duo Morgan und Klein perfekt für die Zukunft sein – doch kaum werden die Zeiten härter, soll es auf einmal nicht mehr funktionieren.

Gewaltige Aufgaben

Hinter den Kulissen scheint es ziemlich rund zu gehen. Denn Ende des Monats geht auch Vorstandsmitglied Michael Kleinemeier. Nach der Hauptversammlung Mitte Mai folgt Stefan Ries. SAP muss vermeiden, dass das operative Geschäft unter den ständigen Wechseln leidet. Viele Anwender sind ohnehin schon unzufrieden mit dem Service. Die milliardenschweren Zukäufe der Vergangenheit müssen integriert werden. Von der hohen Unsicherheit durch die Corona-Pandemie ganz zu schweigen.

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Auf Klein warten gewaltige Aufgaben. Mit ihm steht nun ein Mann an der Spitze, der SAP seit 20 Jahren kennt – und nur wenige Kilometer von Walldorf aufgewachsen ist. Zumindest die Kritik dürfte verstummen, dass SAP zu amerikanisch werde und die Zentrale ihre Stellung im globalen Geschäft verliere.

Und Morgan? Die Managerin, vom „Fortune“-Magazin zu einer der einflussreichsten Frauen in der Wirtschaft gekürt, ist entmachtet. Sie wollte eigentlich „mehr weibliche Führungskräfte bei SAP und auf dieser Welt ermöglichen“. Darum muss sich künftig jemand anderes kümmern. Das Kapitel Morgan ist leider schon beendet, bevor es richtig angefangen hat.

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Redaktion Alexander Jungert, 1980 in Bruchsal geboren, hat beim "Mannheimer Morgen" volontiert und ist seit 2010 Wirtschaftsredakteur. Während des Studiums arbeitete er unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und den "Tagesspiegel" in Berlin. Schreibt am liebsten darüber, was regionale Unternehmen und deren Mitarbeiter umtreibt.