Schlichtweg schamlos

Marc Stevermüer zur Haltung des DHB zur WM in Ägypten

Von 
Marc Stevermüer
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Die einen nennen es Verlässlichkeit, die anderen Treue. Hin und wieder hat es aber etwas von nur noch schwer erträglicher Schmeichelei oder einer besonderen Form der Anbiederung, wenn die Bosse des Deutschen Handballbundes (DHB) ihre Sympathie mit dem Weltverband IHF und dem ägyptischen WM-Veranstalter betonen. Denn wie alle gerade täglich hören, werden am Nil nicht zwingend die Versprechen eingehalten. Da hilft es auch keinesfalls, dass sich die Ägypter – nach allem, was viele glaubhaft versichern – sehr bemühen. Denn mit Bemühungen ist es in diesen Zeiten ganz einfach nicht getan. Erst recht nicht nach den vollmundigen Hygiene-Ankündigungen des Gastgebers vor dem Turnier.

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Unverschämt wird es dann noch, wenn der DHB-Präsident Andreas Michelmann mit einem perfiden Vergleich die WM zu rechtfertigen versucht. „Es wird Zeit, dass wir lernen, nicht nur von Corona zu reden, sondern auch mit Corona zu leben. So wie wir alle davon ausgehen, dass Lkw-Fahrer weiter Frachten transportieren, Menschen im Supermarkt an der Kasse sitzen und Arbeiter die Produktion aufrechterhalten, so findet eben auch ein WM-Turnier statt“, sagte er zu Beginn des Turniers der „Mitteldeutschen Zeitung“. Schon da waren diese Worte frech. Rückblickend lassen sie einen angesichts der WM-Farce gar fassungslos zurück.

Besonders bedenklich

Ja, Michelmann hat recht. Wir alle müssen besser lernen, mit Corona zu leben. Aber zwei wichtige Dinge hat der DHB-Boss dann doch vergessen. Erstens: Demut. Denn dass diese WM ausgetragen wird, ist ein Privileg. Gerade vor dem Hintergrund, dass das öffentliche Leben in Europa fast lahm liegt und Bürgerrechte eingeschränkt werden. Zweitens: Diese WM findet weniger aus Liebe zum Sport statt, sondern in erster Linie aus rein wirtschaftlichen Interessen. Es geht um Millionen. Für den Veranstalter, die IHF und den DHB. Kurzum: Die Show muss weitergehen, die Kasse klingeln. Selbst wenn es den Spielern ihre Gesundheit kostet.

Nun darf sich die IHF natürlich wie alle anderen Branchen in dieser Krise erst einmal um die Rettung ihres Geschäftsmodells bemühen. Das ist ihr Recht, vielleicht sogar ihre Pflicht. Problematisch wird es aber bei schamlosen Vergleichen wie dem von Michelmann. Alle an der WM-Beteiligten werden täglich auf Corona getestet. Diese gar nicht mal so billige Möglichkeit haben weder die Lkw-Fahrer noch die Kassiererinnen in Deutschland. Die IHF bringt aber dieses Geld auf, weil der finanzielle Vorteil immer noch größer ist. Doch dieses wirtschaftliche Kalkül ist nun wirklich in keiner Weise mit der Arbeit der Menschen gleichzusetzen, die gerade unter größten Anstrengungen die Grundversorgung in unserem Land sichern. Wer solche Vergleiche anstellt, wer so sehr den Respekt vor den Helden des Alltags vermissen lässt, der hat nicht verstanden, worum es gerade geht.

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Im Fall von Michelmann ist das besonders bedenklich. Denn als Bürgermeister der Stadt Aschersleben am Rande des Harzes müsste er eigentlich wissen, was viele Menschen gerade leisten – und wie unwichtig im Vergleich dazu diese WM ist.

Redaktion Handall-Reporter, Rhein-Neckar Löwen und Nationalmannschaft