Kommentar zum Naidoo-Rückzug Maximales Desaster

Von 
Jörg-Peter
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Das Desaster ist komplett: Die katastrophale Fehleinschätzung von ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, Xavier Naidoo würde als Direktkandidat für den Eurovision Song Contest nur ein bisschen polarisieren, hat alle Beteiligten maximal beschädigt: Die ARD, den Vorentscheid, der keine drei Monate vor dem Sendetermin ohne Konzept und Kandidaten dasteht, und natürlich den Mannheimer Sänger. Dem fliegen tatsächliche und vermeintliche Fehltritte seit Tagen orkanartig um die Ohren und verdichten sich zu einem verheerenden Gesamtbild.

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Dabei hat sich Naidoo seit seinen irregeleiteten Auftritten bei zwei Berliner Demos vor teilweise rechtsextremen Publikum über ein Jahr lang keinen Aussetzer mehr erlaubt und sich nachvollziehbar von allem distanziert, was ihm vorgeworfen wird. Bis auf die Tatsache, dass er Verschwörungstheorien anhängt und sie kolportiert, entbehrten sie nahezu jeder Grundlage - wer "Adriano" gesungen und "Rock gegen Rechts" gespielt hat, ist schwerlich rechtsextrem. Wer zum Beispiel einen explizit schwulen Künstler wie Rino Galiano in seinem innersten Kreativzirkel fördert, wohl kaum homophob. Und wessen Vater es nur dank einem jüdischen Verwandten, Naidoos Onkel, nach Mannheim in Sicherheit geschafft, wird sich schwer tun, ein glühender Antisemit zu werden.

Dass Staatsanwaltschaft und Mannheimer Landgericht einschlägige Vorwürfe geprüft und verworfen haben - derlei lästige Details spielen im Internetzeitalter längst keine Rolle mehr. Versatzstücke uralter Interviews , eigenwillige Interpretationen und falsche Tatsachenbehauptungen werden auf Twitter und Co. zu Pseudo-Fakten - der Verschwörungstheoretiker Naidoo wird ironischerweise zum Opfer einer klassischen Verschwörungstheorie. Wobei er das durch teilweise katastrophale Krisen-Kommunikation mit zu verantworten hat.

Dass Naidoo musikalisch ein geeigneter Kandidat gewesen wäre, damit lag Thomas Schreiber nicht falsch. Aber der ESC wird in der deutschen Öffentlichkeit eben nicht nur als fröhliches Musik-Event gesehen, sondern zu einer Art nationalem Hochamt überhöht. Das verleiht dem Kandidaten für ein paar Wochen quasi den Rang eines Bundestrainers während der Fußball-WM - dafür polarisiert Naidoo zu stark. Der Blick auf die dadurch zu erwartende Rekordquote und die Fernseherfolge des Mannheimers haben offensichtlich das Urteilsvermögen der ARD vernebelt - von daher ist es erstaunlich, dass Unterhaltungskoordinator Schreiber nicht auch gleich seinen eigenen Rücktritt mitteilt. Dem Ausmaß des Scherbenhaufens würde dieser Schritt gerecht.