Machtlose Sportler

Jan Kotulla zu den Folgen der Corona-Epidemie im Sport

Von 
Jan Kotulla
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Die Nachrichten über das Coronavirus überschlagen sich und offenbaren Widersprüchlichkeit, Ratlosigkeit und Aktionismus. Also genau das, was die Athletinnen und Athleten sowie die Fans gerade nicht brauchen – zusätzliche Verunsicherung. Hier wird der Test im Deutschen Tourenwagen Masters von Monza nach Hockenheim verlegt, da darf der Säbel-Weltcup statt in Padua nicht in Tauberbischofsheim ausgetragen werden. Während in der Schweiz alle Veranstaltungen ab 1000 Zuschauern bis zum 15. März verboten wurden, die Fußball-Erstligisten dort pausierten und die letzten Hauptrundenspiele im Eishockey vor leeren Rängen stattfanden, geht hierzulande bis jetzt alles seinen gewohnten Gang.

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Geisterspiele hier, volle Arenen da – wer soll das verstehen? Ob die völlig unterschiedliche Beurteilung der Lage aus der Furcht vor Schadenersatzforderungen geboren wurde? Hoffentlich nicht.

Mit zweierlei Maß

Mit zweierlei Maß wird auch bei der Formel 1 gemessen. Während das Rennen in Shanghai für den 19. April schon abgesagt wurde, halten die Organisatoren am Saisonauftakt in 14 Tagen in Australien fest. Als ob dort nicht Tausende Fans aus aller Welt zusammenkommen würden – ein idealer Nährboden für die Verbreitung des Virus’. Aus diesem Grund geht auch im Vorfeld von Olympia in Tokio und der europaweiten Fußball-EM die Angst um. Zumindest für die Sportlerinnen und Sportler viel naheliegender ist die Furcht vor den anstehenden Reisen für die Olympia-Qualifikation oder zu Trainingslagern. Etliche Turniere wurden schon verschoben oder sogar abgesagt.

Sollte sich die Epidemie nicht in kürzester Zeit massiv eindämmen lassen, kämen die Organisatoren von Großereignissen nicht umhin, diesen Schritt ebenfalls zu gehen. Doch auch hier ist für Lautsprecher kein Platz. So wurde aus London verkündet, man könne die Sommerspiele übernehmen. Da wurde erst der Mund aufgemacht und dann nicht nachgedacht: Als ob die britische Hauptstadt nicht eine ebenso gute Brutstätte für Covid-19 wäre wie Tokio.

Jeder entscheidet für sich

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Die Sportler können derweil nichts anderes machen, als sich konzentriert auf mögliche Wettkämpfe vorzubereiten. Ob diese stattfinden, liegt nicht in deren Macht. „Es bringt ja auch nichts, wenn wir supertolle Olympische Spiele mit vielen Fans und Sportlern haben – und am Ende gibt es einen rapiden Anstieg von Corona-Infektionen“, brachte es Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul auf den Punkt.

2016, vor den Spielen von Rio, war plötzlich das Zika-Virus das beherrschende Thema. Über die Absage des weltweit größten Sportereignisses wurde nachgedacht. Doch auch aufgrund des Rates der Gesundheitsexperten fanden die Spiele statt. So sollte es auch im Fall des Coronavirus’ laufen. Es hilft niemandem, die Situation zu verharmlosen. Mindestens genau so schädlich ist es aber, Panik zu schüren.

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Den Wissenschaftlern trauen heißt aber keinesfalls, bestimmte Dinge für sich selbst nicht anders zu entscheiden. Wenn man sich derzeit in größeren Menschenansammlungen unwohl fühlt, dann bleibt man zu Hause. Fast scheint es so, als würde das Virus nicht nur die Atemwege befallen, sondern auch das Hirn.

Redaktion Sportredakteur