Christian Kerl - ist der Meinung, Europa sollte im Kampf gegen Corona auf andere Lösungen setzen Grenzen offen lassen

Christian Kerl ist der Meinung, Europa sollte im Kampf gegen Corona auf andere Lösungen setzen

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Christian Kerl
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Ein Doppelschock hat Deutschland und die anderen EU-Staaten beim Kampf gegen die Corona-Pandemie zurückgeworfen: Hoch ansteckende Mutationen des Virus haben das Infektionsrisiko massiv erhöht. Die alles entscheidende Waffe aber gegen Corona, die Massenimpfung der Bürger, ist in Europa nur mit Verzögerung einsetzbar.

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Beide Probleme lassen sich jedoch nicht allein auf nationaler Ebene lösen: Im Europa der offenen Grenzen gilt auch für das Virus Reisefreiheit. Und bei der Impfstoffbeschaffung haben sich die Regierungen aus guten Gründen für eine Gemeinschaftsaktion entschieden, bei der die EU-Kommission die Federführung hat. Es war also höchste Zeit für den Corona-Sondergipfel der EU-Regierungschefs.

Einfache Lösungen indes hatte die Runde nicht anzubieten. Klar ist bisher nur: Die Corona-Impfungen müssen mit allen Mitteln beschleunigt werden.

Bis dahin müssen sich die EU-Staaten endlich enger abstimmen bei den Schutzmaßnahmen. Die Test- und Quarantänevorschriften nur für die EU-Außengrenzen reichen nicht. Innerhalb der Union macht zwar jedes Land für sich Auflagen bei längerfristigen Einreisen, die werden aber zu oft nur mit großer Nachlässigkeit befolgt. Und Grenzpendler zum Beispiel sind ausgenommen, was so lange hinnehmbar ist, wie dies- und jenseits der Grenzen in etwa ein gleiches Infektions- und Schutzniveau besteht. Die Pendelei wird aber zum Risiko, wenn Berufstätige auf ihren täglichen Wegen das – womöglich mutierte – Virus aus einem Land mit sehr hohen Infektionszahlen ins Nachbarland tragen.

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Die Bundesregierung hat recht, wenn sie in solchen Fällen nun regelmäßige Tests bei Pendlern zwischen den Staaten fordert. Wichtiger noch ist es, dass alle Mitgliedsländer jene Regionen schneller identifizieren, in denen sich die hoch ansteckenden Virusvarianten stark ausbreiten; dort muss mit einem lokalen, strengen Lockdown eine Eindämmung versucht werden.

Voraussetzung ist freilich, dass die Mutanten durch entsprechende Untersuchungen überhaupt nachgewiesen werden können. Beim Umfang dieser Sequenzierungen von Corona-Proben haben fast alle Staaten der Europäischen Union, Deutschland eingeschlossen, akuten Nachholbedarf.

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Die Alternative zum gemeinsamen Handeln hat Bundeskanzlerin Merkel benannt: Ohne einheitliches Schutzniveau führt an Grenzkontrollen, womöglich an Grenzschließungen kein Weg vorbei, dazu ist das Infektionsrisiko inzwischen zu hoch. Der Warnschuss sollte reichen, die Erinnerung an die Grenzschließungen im Frühjahr ist ja abschreckend genug. Dass damals die Schlagbäume über Nacht heruntergingen, meist ohne Abstimmung mit den Nachbarländern, war ein schwerer Schlag für das vereinte Europa, in dem die Reisefreiheit eine zentrale Errungenschaft ist.

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Der Albtraum der panischen Grenzschließungen von damals, als Familien getrennt, Warentransporte behindert, Pendler gestoppt wurden, sollte sich nicht wiederholen. Der Schaden für die Union wäre enorm, nicht nur wirtschaftlich.

Eine enge Abstimmung der Schutzmaßnahmen innerhalb der Europäischen Union ist deshalb jetzt das Gebot der nächsten Wochen. Später könnte auch ein einheitlicher Impfpass für freies Reisen in Europa die Lage entspannen. Aber dafür ist es noch zu früh. Erst müsste tatsächlich ein größerer Teil der Bevölkerung mindestens die Chance haben, sich impfen zu lassen. Und bislang ist ja nicht einmal klar, ob Geimpfte nicht doch andere mit Corona anstecken könnten.

Der Impfpass ist ein Lichtblick, aber noch ist er nicht mal Teil der Lösung.