Gesundheit zuerst

Peter Reinhardt zum Umgang von Politikern mit Krankheiten

Von 
Peter Reinhardt
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Die Meldung kam wie aus dem Nichts. Zur Mittagszeit teilte Winfried Kretschmann an diesem Freitag in einer persönlichen Erklärung auf der Internetseite der baden-württembergischen Regierungszentrale die Krebserkrankung seiner Frau mit. Sicher wissen die Familie und auch das persönliche Umfeld schon länger von dem Schicksalsschlag. Eisern hat der Ministerpräsident seine Regierungsgeschäfte durchgehalten, hat am Mittwoch stundenlang mit Kanzlerin Angela Merkel über den weiteren Kampf gegen die Corona-Pandemie verhandelt und am Donnerstag das Parlament und die Öffentlichkeit über die Ergebnisse informiert. Aufgefallen war nur, dass der Grünen-Regierungschef kurzfristig Wahlkampftermine absagte. Deshalb blieb nur der Gang an die Öffentlichkeit, ehe die Gerüchteküche brodelt.

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Umso mehr muss jetzt die Privatsphäre der Kretschmanns gewahrt werden. Schwere Krankheiten auch von Prominenten und erst recht von deren Angehörigen sind kein Thema für öffentliche Erörterungen. Da mag sich jeder selbst prüfen.

Gerade Politiker haben lange Zeit versucht, Krankheiten zu verschweigen. Nur keine Schwächen und Verletzlichkeit zeigen, war das Motto. Mittlerweile hat sich das geändert. Der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat schon 2010 offen angekündigt, dass er sich für einige Wochen aus dem politischen Geschäft zurückzieht, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Auch Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hat offen über ihren Brustkrebs gesprochen und sich sogar mit Perücke in der Öffentlichkeit gezeigt. Das hat sicher vielen Leidensgenossinnen geholfen.

Bei Kretschmann gab es für den Gang an die Öffentlichkeit sicher ganz pragmatische Gründe. Er will seine Frau in dieser schweren Zeit unterstützen und muss dafür Termine sausen lassen. Das gilt es zu respektieren – auch fünf Wochen vor der Landtagswahl. Dass der Titelverteidiger weitgehend fehlt, wird den Wahlkampf verändern. Polemik gegen Kretschmann verbietet sich da von selbst. Persönliche Angriffe gegen ihn, angesichts seiner Popularität schon bisher heikel, werden noch schwieriger. Das bremst zwangsläufig auch seine CDU-Herausforderin Susanne Eisenmann. Wie sich das alles bei den Wählern auswirkt, ist schwer abzusehen und hängt auch davon ab, wie stark Kretschmann in den nächsten Wochen noch präsent sein wird. Für eine solche Situation fehlen alle Erfahrungswerte. In jedem Fall geht aber die Gesundheit vor.

Korrespondent Landespolitischer Korrespondent in Stuttgart