Falsches Signal

Peter W. Ragge zur Corona-Lage und den Kirchen

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Peter W. Ragge
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Was für ein merkwürdiger, was für ein widersprüchlicher Tag. Aus Berlin hört man eine neue Höchstzahl an Todesfällen wegen des Corona-Virus sowie die Meldung, dass das Kanzleramt eine massive Verschärfung des Lockdowns plant. In Stuttgart kündigt Ministerpräsident Winfried Kretschmann an, er werde sich für „weitere und schärfere Maßnahmen“ einsetzen. An die Öffnung der Schulen sei nicht zu denken. Und in Mannheim wird schon jetzt der Maimarkt abgesagt – in der leider richtigen Erkenntnis, dass die Lage im April nicht sicher genug für diese Veranstaltung ist, die in ihrer 400-jährigen Geschichte nur wegen der Pest und zu Kriegszeiten pausierte. Überall spürt man also: Es ist ernst, sehr ernst.

Vorbild an Zurückhaltung

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Es gibt aber eine Ausnahme: die beiden großen christlichen Kirchen in Mannheim. Im Dezember haben sie, ohne staatliche Anordnung aus eigener Einsicht und Vernunft, ihre Gottesdienste abgesagt – weil es keinen Sinn macht, weil es zu gefährlich ist.

Natürlich sind die Infektionszahlen seither, zumindest in Mannheim, zurückgegangen. Sie haben sich sogar mehr als halbiert. Und natürlich gibt es Menschen, die darunter leiden, keine Gottesdienste besuchen zu können. Sie vermissen das gemeinsame Gebet, schöpfen aus dieser Aufmunterung Kraft für den schweren Alltag, finden hier Trost in ihrer Angst um sich, um kranke Verwandte. Das ist ohne Zweifel richtig und wichtig.

Aber noch immer sind auch die Kliniken am Limit, noch immer ringen viele Menschen dort mit dem Tod und leiden andere zu Hause an dieser gefährlichen Virusinfektion.

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Daher ist die Entscheidung, jetzt wieder Präsenzgottesdienste zu feiern, falsch – selbst bei weiter geltenden strengen Hygieneregeln. Es ist zwar spürbar, dass sich die Dekane sowie die Pfarrer und Ehrenamtlichen vor Ort die Entscheidung nicht leicht gemacht, dass sie lange abgewogen haben. Das Recht, nämlich die von der Verfassung garantierte Religionsfreiheit, steht dabei auf ihrer Seite. Doch in einer Zeit, in der gerade über Verschärfungen der Regeln nachgedacht wird, in der von Schule über Handel bis Kultur überall weiter Einschränkungen gelten, setzt die Kirche mit ihrem Sonderweg das falsche Signal. Eine Einrichtung, die eine moralische Instanz sein will, muss Vorbild sein – auch an Zurückhaltung und Geduld in schwerer Zeit.

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