Julia Emmrich - freut sich, dass die Infektionskurve sinkt – weil so viele Menschen an einem Strang ziehen Es lohnt sich!

Julia Emmrich freut sich, dass die Infektionskurve sinkt – weil so viele Menschen an einem Strang ziehen

Von 
Julia Emmrich
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Berlin, Ende Januar 2021. Die Tage werden länger, es gibt mehr Licht und endlich das gute Gefühl: Es tut sich was. Der harte Lockdown wirkt. Die vielen Wochen ohne Feiern und Freunde – das war alles nicht umsonst. Klar: Noch immer infizieren sich täglich Tausende mit dem Coronavirus, noch immer ist die Lage in den Kliniken heikel, noch immer sterben erschreckend viele Menschen an Covid-19. Doch die Pandemiekurve zeigt endlich wieder stabil nach unten. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag vor einem Monat bei knapp 200 Fällen pro 100 000 Einwohner – inzwischen hat sie sich halbiert. Keine Entwarnung. Aber ein echter Etappensieg.

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Der Weg hierhin war eine kollektive Kraftanstrengung. Sie hat nur funktioniert, weil die allermeisten mitgemacht haben. Und noch immer mitmachen. Teenager, Best Ager, Senioren – sie alle halten durch, auch wenn sie von Masken Pickel bekommen, Desinfektionsmittel nicht mehr riechen können und all die krampfigen Begrüßungsgesten satthaben. Ja, es ist noch lange Winter, es ist noch lange Pandemie. Und trotzdem halten die allermeisten ihren Frust zurück, lassen ihn nicht unkontrolliert an den Falschen aus, sondern tun das, was schon Generationen zuvor in Krisenzeiten versucht haben: Nerven behalten und das Beste aus der Lage machen.

Die Tugenden der Stunde: Geduld und Mut zur Improvisation. Unzählige Beschäftigte haben sich in Küchen, Schlafzimmern und Flurnischen ihr Homeoffice eingerichtet. Kinder mussten lernen, dass auch Lehrer manchmal blutige Anfänger sind, mit denen man viel Geduld haben muss, bis der Fernunterricht halbwegs läuft. Teenager verzichten auf Partys und entdecken das Spaziergehen zu zweit, Freundeskreise verabreden sich zu Video-Kochrunden, Nachbarschaften schließen sich zusammen, um die Eckkneipe mit Abholbestellungen zu retten.

Nach wie vor gibt es die vielen düsteren Seiten der Pandemie – die vielen Toten, das Leid der Kranken, die Existenzangst in vielen Branchen, die Einsamkeit im Lockdown, die Überforderung in den Familien, in den Kliniken, in den Pflegeheimen. Doch es gibt auch die helle Seite: So viel Gemeinsinn, so viel Verantwortungsgefühl, so viel Bereitschaft, sich für andere einzuschränken – das hätten vor einem Jahr wohl nur wenige dieser angeblich so überindividualisierten Spaßgesellschaft zugetraut.

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Damit das so bleibt, müssen die Bürger das Gefühl haben, dass sie ernst genommen werden. Heißt: Bund und Länder sollten sich hüten, Versprechungen zu machen, die wieder einkassiert werden müssen. Lieber ehrlich sagen, wenn die Lage unklar ist.

Und sie ist unklar: Es gibt zu wenig Impfstoff und zu viele Infektionsherde mit hochinfektiösen Virusvarianten. Niemand kann seriös sagen, was in vier Wochen sein wird. So viel Wahrheit muss sein. Falsche Versprechungen braucht jetzt keiner.